Sachzwänge? – Nennen wir es doch Menschliches Versagen!

(Caveat: Konstruktive Reflexion ua. zum Euphemismus ‘Gesundheitssystem’, pars pro toto einer ‘Kultur’, die auf der Stufe des Individuums längst wieder der Barbarei verfallen ist: We all live in our selves and mistake it for life!)

Prolog

Ich musste nachdenken: Sachzwänge an jeder Ecke. Statt Antworten. Hm. Fast schon reflexartig. Statt relevanter Lösungen. Da stimmte doch etwas nicht. Statt Klugheit oder gar Weisheit. Bloße Verwaltung, keine Gestaltung.

Abgespult das brav Auswendiggelernte und Einstudierte. Das, was das Gewissen betäubt, den Bonus wachsen, die Skrupel schrumpfen, die Empathie verwelken lässt.

Der Sachzwang. Das, was uns zu Männern macht, zu Managern, Top-Managern gar – ob wir Angela, Horst, Philipp, Peer oder Hannelore heißen. Ob wir in der Gesundheits-, Pharma-, Politik-, Lebensmittel-Industrie (The Extraordinary Science of Addictive Junk Food), et al. arbeiten (also besonders dort, wo die Profite auf Kosten des Wohles aller, der Gesundheit aller gemacht werden).

Der Sachzwang. Herabtropfend von der modernden Decke des Establishments. Ubiquitär verbreitet. Längst massenwirksam. Daher so beliebt. DAS Totschlagargument. Heisse Luft in (produktionstechnisch notwendiger!) übergroßer Verpackung. Jetzt mit 40% noch weniger Inhalt. Homöopathisch. Automatisch. Symptomatisch.

I. Der Ursachzwang

A. Der Sachzwang der Aktiengesellschaft

Profit.
Koste es, was – und am Ende wen – es wolle.

(Wer den Ursachzwang nicht kennt, sollte dringend “The Corporation” sehen.
Seht Euch an, wie konstruktiv und symbiotisch wahre Unternehmer und ihre Mitarbeiter kooperierten. Eine vollkommen bessere Welt als wir sie heute kennen. Eine Welt voller Respekt vor dem Individuum, seiner Leistung, Wertschöpfung und Teilhabe und Kaufkraft.)

Dieser Ursachzwang, der durch fehlgeleitete Politik, Professoren, Management-Gurus und die organisierte Beratung virus-artig es geschafft hat, sich in jedem abwehrgeschwächten Körper, Geist, System und Institution parasitär zu verbreiten.

B. Die Ursach ist der Zwang – der in Schule, Elternhaus, Studium, Lehr- und ersten Herrenjahren aberzogene, menschliche freie Wille, Mensch sein zu dürfen, soziales Geschöpf, nicht asoziales … .

C. Der Sachzwang, immer öfter in der euphemisierenden Verkleidung der Effizienz sich einem rumpelstilzchen-gleich pöbelnd in den Weg stellend – mit der Zeit jede Effektivität verbrennend und sich und seine Jünger zum reinen Selbstzweck überhöhend.
Immer bonus-, idealerweise auch medienwirksam.

> Effizienz – die Effektivität der Dummen!

II. Der Sachzwang – das pure Menschliche Versagen!

A. Wie sonst konnte man selbst nicht auf ein helles, modernes Eckbüro verzichten, gleichzeitig aber das Ambiente einer ganzen Klinik auf dem Niveau der Öl- bzw. (in Teilen) Weltwirtschaftskrise belassen?

Wusste (oder fühlte gar am eigenen Büro?) man nicht, welche bindungs-, produktivitäts- und innovations-steigernde Wirkung ein Ambiente zB auf Google-, Twitter- oder tumblr-Niveau haben konnte? Postulierte man es nicht gar durch die Wahl des eigenen Ambientes?

> Sachzwang oder Menschliches Versagen!?
B. Wie konnte man seine Frau sich rührend und rund um die Uhr um die fiebernden Kinder zu Hause kümmern lassen, gleichzeitig aber jedem Krebspatienten in der Klinik nur noch knapp ein Zehntel eines ausgebildeten Pflegers zugestehen? Und in der Nacht und am Wochenende davon gar wiederum nur noch die Hälfte, ein Zwanzigstel?

Und damit Motivation und Engagement selbst der besten Schwestern vor Ort über Gebühr belasten?

> Sachzwang oder Menschliches Versagen!?
C. Wie konnte man seinem Friseur, Kindermädchen und Gärtner immer mehr, gleichzeitig aber seinen eigenen Mitarbeitern immer weniger zahlen?

> Sachzwang oder Menschliches Versagen!?
D. Wie konnte man für sich selbst der grösste Verfechter der Work-Life-Balance sein, gleichzeitig aber seine Ärzte 12 Tage am Stück arbeiten lassen?

Wie konnte man nicht wissen, dass es hier auf der Krebsstation am Ende um Leben und Tod ging, und Fehler aufgrund von Überarbeitung keine Option waren?

Wie konnte man es allen Ernstes mit seinen verdammten Zahlenspielereien riskieren, auch noch den letzten motivierten Arzt, Pfleger und Patienten zu verlieren?

> Sachzwang oder Menschliches Versagen!?
E. Wie konnte man Patienten, Menschen wie Du und ich, so respektlos behandeln, sie zu reinem Therapie-, Nutz- und Profit-Vieh degradieren, ihnen jegliche Lebensqualität nehmen, sie zu einer dahinvegetierenden Masse machen? Ohne Meinung. Ohne Stimme. Ohne geringsten Einfluss.

Musste man nicht diesen Schwächsten zuallererst helfen?

> Mussten diese Menschen nicht Nukleus allen Denkens, Planens und Handelns sein? Basis des evidenz-basierten Fortschritts? Die wahre Zukunft des Business?

Wie weit nur musste man über den Dingen schweben, dass einem die Menschen zu Dingen und derart egal wurden? Nur noch Fliegenschisse auf einem Balance Sheet!?

Leichte Opfer, nichtmal wahre Gegner, nur abhängige Ärzte, Pfleger, Patienten, Konsumenten? Ohne Lobby, ohne Aufmerksamkeit!? Ohne Macht!? Ohne Chance!?

War das nicht äusserst langweilig, da wenig herausfordernd?

> Sachzwang oder Menschliches Versagen!?
F. Vielleicht weil man selbst nicht vom Fach war!? Weil man Politiker oder Versicherungsmathematiker oder Bänker war!? Weil man sich zwar in den kargen Excel-Zellen wohlfühlte, nicht aber unter lebendigen Menschen!?

Vielleicht weil man nie selbst unter realen Bedingungen in einer seiner Kliniken gelegen hatte!? Nie selbst die überteuerten Medikamente zahlen, nie die selbst prozessierten ‘Lebensmittel’ essen, nie die eigene Politik am eigenen Leibe erfahren musste!?

Weil man nie selbst gesehen und erlebt hat, welche Hölle man schuf!? Weil es einen aber auch gar nicht interessierte auf diesem kurzen, doch ach so unverzichtbaren Karriereschritt!?

> Sachzwang oder Menschliches Versagen!?
G. Vielleicht weil man keinerlei Konsequenzen für sein Handeln zu fürchten, man die absolute Macht hatte!? Kein Korrektiv!? Kein Gewissen!?

Nur ein paar noch mächtigere Sachzwänge über sich als man selbst, die von oben herab nach noch mehr Mehr schrien? Je höher, desto Menschlicher Versager!?

> Sachzwang oder Menschliches Versagen!?

Epilog

Blieb die Frage: In welche Klinik nur würde man seine eigene Familie noch empfehlen, wenn man alle Kliniken des Landes soweit heruntergewirtschaftet hatte?

Oder: In welche Klinik nur würde man sich selbst noch trauen, mit dem Wunsche zu gesunden, wohl wissend, dass nur Effektivität, nicht aber Effizienz einen wahrlich heilen kann?

Oder gar: Hatte man so nicht auf gewisse Art Selbstmord begangen? Nur weil man nicht erkannt hatte, dass der Sachzwang im Kerne Menschliches Versagen war? Und man selbst auch nicht viel mehr?

Sollte man nicht darüber nachdenken und die relevanten Konsequenzen ziehen, ehe es zu spät war!?

Sollte man nicht auf seine engagierten Ärzte, Pfleger und Patienten hören? Auf die Einzelmenschen und ihre Talente? Auf die erfahrenen Mitarbeiter, ehe sie gingen oder innerlich kündigten? Ehe der Ruf der eigenen Institution über Jahre ruiniert war?

Sollte man nicht ‘unvernünftig’ sein, den Sachzwang Sachzwang sein lassen und man selbst sich nicht länger schuldig machen des Menschlichen Versagens?

Oder blieb man ‘vernünftig’ im Sinne der Barbarei und ging in die wahre Privatklinik seines besten Vorstandsfreundes, der wiederum so unvernünftig war, verstanden zu haben, dass man die eigene Karriere nicht auf dem Elend anderer aufbauen musste, sondern dass Geld, richtig verteilt, die beste Medizin war?
Gab es da etwa ganz am Ende etwas fürs Leben zu lernen?

> There is no Sachzwang – just Menschliches Versagen!

Schlimmer noch:
> Der Menschliche Versager kreiert den Sachzwang, so

wie der Sachzwang den Menschlichen Versager kreiert.
We all live in our selves and mistake it for life!