Die Einsamkeit des Privatpatienten oder We live in our selves and mistake it for life!

Die Krebsstation ist eine wundervolle Melange unterschiedlichster Menschen und Schichten. Für einen unendlichen Moment gefangen an der Naht von Leben und Tod.

Doch selbst dort, am zumindest vorläufigen Ende unseres bisherigen Lebens, wehren wir uns, Kontakt aufzunehmen mit dem Ungewohnten, Fremden, Unbekannten. In uns selbst und unserem Nächsten.

Den Schritt hinaus zu wagen aus unserer Comfort Zone des vermeintlich guten Geschmackes, der antiseptischen Katalog-, Reader's Digest-, AD-Kultur, die uns Sicherheit geben soll, und doch nur unsere unendliche Unsicherheit demonstriert. Als Kind schon Allergien zu entwickeln, anerzogen von viel zu wohlmeinenden Eltern, gegen Ungleichgesinnte, Andersdenkende, -handelnde, -lebende.

Statt endlich die Chance zu nutzen, unseren Horizont zu erweitern. Menschen jenseits unserer Schichten, Einkommensklassen, Interessen kennenzulernen. Uns einzulassen auf die Vielfalt des Lebens, der Möglichkeiten und Persönlichkeiten um uns herum.

Statt den simplen Schritt vom Einbett- in das Zweibettzimmer zu wagen. Sich zu öffnen dem Zufall, dem Donner und Blitzen der Nähe des Anderen, seinen Eigenarten, seinem Charakter, seinem immensen, mentalen Reichtum, den er unserem Leben hinzuaddieren kann – und wir seinem. So wir beides denn zulassen.

Eine verdammtnochmal aus den falschen Gründen kulturell anerzogene Scheu ist es höchstwahrscheinlich, die uns keine Empathie (mehr) empfinden lässt, keine Nächstenliebe und nicht den Wunsch zu helfen. Uns einfach unser kleines, beschissenes, isoliertes, über alle Maßen überschätztes Leben leben lässt. Unreflektiert und schlecht kopiert von denen, die uns dies in Erziehung, Schule, Studium als Karriere, Erfolg, erstrebenswert gar definierten.

Was nur haben wir falsch gemacht? In den letzten 68 Jahren – und seit '68?

Was nur muss geschehen, damit wir uns nicht länger alleine in einem Raum besser fühlen als mit Ungleichgesinnten, unseren Nächsten, die unser Leben, unsere Zukunft und Horizonte noch verunordnen können?

Was nur muss geschehen, damit wir endlich begreifen, dass wir doch gar nicht das Maß aller Dinge sind?

Was nur muss geschehen, damit wir keine Angst mehr haben vor einem 35-jährigen Turmspringer mit 5.000 Büchern? Einem Metzger mit angeschlossenem Feinkostfachgeschäft, der seine zu schlachtenden Kühe noch selbst beim Bauern auswählt? Einem Heilpraktiker? Einem AIDS-kranken Fortuna-Fan, der endlich seine Hartz-IV-Vergangenheit hinter sich lassen will? Einem Photographen? Einem Rentner, der nach der Therapie zu seinen Kindern zieht? Einer Putzhilfe, die weiß, dass in der Krankheit erst sich der wahre Charakter des Menschen zeigt?

Was nur muss geschehen, damit wir wieder auf unsere Nächsten zugehen? Mit ihnen teilen? Den Schwächeren helfen, statt sie zur Statistik zu degradieren?

Was nur muss geschehen, damit wir endlich wieder ein Leben leben MIT unseren Nächsten und nicht GEGEN sie?

Wie unvernünftig müssen wir werden?

4 thoughts on “Die Einsamkeit des Privatpatienten oder We live in our selves and mistake it for life!”

  1. Hmmmmm … Ich kenne durchaus auch Menschen, die diese Scheu nicht haben. Weder gesund noch erkrankt. Vielleicht ist das auch einfach nur ein persönliches Empfinden? Und man – in diesem Fall du – bist dir bewusst geworden darüber? Allerdings kann ich deine Gedanken nachvollziehen und habe selbst schon einige Situationen erlebt, in denen mich Menschen in meinen eigenen Vorurteilen sauber widerlegt haben. Da bleibt dann ein Gefühl der Scham zurück, über mich selbst. Und das feste Vorhaben, künftig weniger nach Mustern und mehr intuitiv auf Menschen zuzugehen.
    In einem Krankenhaus möchte ich dennoch gerne für mich alleine sein. das hat weniger mit den Mitpatienten zu tun, als mit den Besuchern, die ich anderen genauso gerne zugestehe, wie mir selbst. Und die doch – weil fremd – einfach meine Intimsphäre stören würden, ohne eine Alternative zu haben. :-)

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