Irene in Quarantäne oder Kurz davor

I.

Nun gut, dachte sie, heute haben wohl nur knapp 20 Leute den gleichen Termin wie ich genannt bekommen. Erinnert sehr an die Massentierhaltung mancher Hühnerhöfe dieser kleine, verwinkelte Raum.

Auf ihre Frage hin, ob sie die erste sei, die dies ungewöhnlich und unverschämt und hühnerverachtend fände, antwortet man ihr, nein, man hätte das schon vor Jahren selbst bemerkt und auch gute Ideen zur Abhilfe entwickelt. Allein, bis heute wurde keine umgesetzt.

Auf ihre Frage hin, ob daran der Klinikdirektor schuld sei, verstummt man, vielleicht aus Angst, sie sei Privatpatientin und würde ihm dies gleich melden.

II.

Sie geht hinaus und wartet derweilen mit den Schwangeren, die sich mittels einer leichten Zigarette (oder zweien) auf ihre Fruchtwasseruntersuchung in der gegenüberliegenden Frauenklinik vorbereiten.

Nein, sie fordert keine von ihnen auf, das Rauchen idealerweise für den Rest ihres Lebens, aber zumindest für die nächsten 6Jahre einzustellen, denn die Damen (oder heißt es Dämlichen) sind alle körperlich stärker als sie, haben also in der heutigen Zeit die besseren Argumente.

III.

Ein Krankentransport-Fahrer lenkt Irene kurz von den vor lauter Dingens hustenden Dämlichen mit den Worten “Jetzt kannst Du für jeden Scheisspatienten darüber laufen!” ab.

‘Darüber laufen’ bedeutet, dass die Armen jetzt statt 5m linksherum tatsächlich 5m rechtsherum laufen müssen. Und dies nur, da die dunkle (hier braucht man ja auch kein Licht) Augenklinikambulanz-Hölle nach gefühlten 2 Generationen renoviert und wohl auf den Stand von 1970 gebracht werden soll.

Untragbare Zustände, oder? Pseudobeamter müsste man sein.

Unter ‘Scheisspatienten’ konnte sie sich nichts vorstellen. Sie kannte nur ‘Scheiss-Krankentransport-Fahrer’. Mit Verlaub – und nur einen.

IV.

Das Schreiben wird langsam schwieriger, dachte sie, nachdem man ihr die Augenweitwinkel-Tropfen verabreicht hatte.

Sie telephoniert mehr oder weniger blind mit der DKMS.

V.

Ihre Nachbarschaft lästert lautstark über Oma: “Das größte Problem von Opa ist Oma!” – was sie vollends in den Düsseldorfer Nieselregen treibt, um die DKMS-Dame weiter verstehen zu können.

Und so langsam versteht sie auch, warum es hier so tiefdunkel ist: die Pupillenerweiterung macht einen ganz schön sensibel für einfallendes Licht.

VI.

Die Physiotherapeutin, die sich mittags mit ihrer besten Freundin in der Klinikkantine trifft, erzählt, sie habe sich ein ‘dunkelblaues T-Shirt mit ein paar weißen Buchstaben auf der Vorderseite’ gekauft.

Sie ist wohl eher Physiotypistin und Waldorfsalat-Schülerin, die die Buchstaben des Alphabetes noch tanzt. Analphabet sei Dank.

Die gleißende Dummheit allüberall schadet Irenes Augen und mehr. Sie spendet dem Labor noch ein wenig Blut. Wochenende.