Tag -03: Irene, der Ekel, das Ekel und die sich Ekelnden

Dienstag, 09. Juli 2013

Der Ekel hat viele Namen, schrieb Irene in ihr Tagebuch. Das Ekel noch mehr, dachte der Autor. Mir war es egal.

Ekel vor Spinnen, Schlangen, Insekten, schrieb Irene. Zurecht ja, zumindest auf der Ebene des Reflexes. Angeboren und gut. Fremderfahrungsadaptiert und gut.

Sobald wir aber denken können, sollten und müssen wir uns, um gemeinschaftlich miteinander zu überleben, von den meisten Ekeln befreien:

Vor längst bekannten Menschen.

Vor noch fremden Menschen.

Vor der Abweichung von der Norm.

Vor Neuem. Vor jeglichem Neuland.

Eigentlich, dachte sie, muss man frechweg Kind bleiben …

> Forscherdrang, Naivität, Unbesorgtheit sich bewahren. Natürlich Mut, ein wenig. Besser: Leidenschaft – dann kommt der Mut ganz von selbst.

> Toleranz: nicht soviel bei Bekannten und Freunden, da sollte man vorher die Spreu vom Weizen getrennt haben.

> Toleranz hauptsächlich bei den Fremden, denn die bergen noch die wahren Überraschungen. Das Fremde ist das Gewaltige, ist das grössere System, zu dem wir gehören. Dies zu verstehen ist des Lebens wichtigste Aufgabe.

> Neugier: lässt uns darauf zugehen. Unsere Neugier auf das Unbekannte muss größer sein als unsere Angst davor.

> Wissbegier: lässt uns dies kennen- und verstehen lernen.

Das alles müssen wir wieder lernen, im kleinsten wie im grössten.

Ohne diesen Forscherdrang, diese Leidenschaft, Toleranz, Neugier und Wissbegier werden wir niemals von der Norm, geronnen aus gestrigen Erfahrungen, abweichen, werden nie Grenzen durchbrechen, neue Horizonte entdecken, Zukunftsfähigkeit erlangen.
Und was kann es wichtigeres geben für ein Leben – geboren in Freiheit – als Zukunftsfähigkeit seiner selbst und seiner Umwelt!?

 

Wir müssen uns die als Anführer wählen, die all dies in sich vereinen. Und wenn es sie derzeit in Politik, Partei, Bürokratie und Industrie nicht gibt, müssen endlich die unter uns aufstehen, die verstanden haben, dass nicht der Ekel vor dem Nächsten und jeglichem Neuland, sondern nur die Neugier auf den Nächsten und alles Neuland die Welt retten kann.

Die Anführer, die nicht von eingetretenen Pfaden abweichen, führen uns im Kreise, schrieb Irene den Menschen in ihr Tagebuch.

Irene brauchte Reibungslosigkeit, gut, der Autor eher Reibung, ja, mir war es egal, okay.
Wichtig war einzig, soviel Weisheit sich zu erarbeiten, entscheiden zu können, wann Reibungslosigkeit einfach nicht mehr zukunftsweisend war. Die Mischung machte es.

(Unter Irene in Quarantäne findet Ihr alle Tagebucheinträge. Idealerweise würde sie Euch der Erzähler der alten Winnetou-Schallplatten vorlesen.)