R101 – Last Christmas / Stay (just a little bit longer) Remix

Ich war ein wenig hin- und hergerissen: heute vor einem Jahr legte mir der Klinikchef auf seinem alljährlichen Rundgang nahe, doch über Weihnachten nach Hause zu gehen, im Kreise meiner Familie besinnlich, bis zur Besinnungslosigkeit zu feiern.


A sign? Or just a christmassy view from my hospital bed?

Zwei Gedanken machten mich dabei nervös:

1. Wenn mein Zimmer aus Sicherheitsgründen für alle Beteiligten über Luftschleuse und Unterdruckklimaanlage verfügte, wenn man mich nicht anfassen und nicht küssen durfte, wieso konnte ich dann mir nichts, dir nichts nach Hause gehen!?

(Da wir es nicht mit einer temporalen Anomalie zu tun hatten, machte ich mir natürlich nicht diesen Gedanken: ‘Nach Hause? Wusste der Klinikchef mehr als ich? Last Christmas, im endgültigen Sinne?’. – Damals nicht, heute frag’ ich mich schon.)

2. Wenn meine Thrombozyten-Zahl sich mit 20.000 bei einem Zehntel des durchschnittlich Normalen bewegte, und eine dann platzende Ader in meinem Köpfchen mich in weniger als 20 Minuten zur Artischocke machte, wieso sollte ich dann mir nichts, dir nichts nach Hause gehen!?

(Hatte also eher diesen, den Schlusssatz von Faulkners ‘Wilde Palmen und Der Strom’ zitierenden Gedanken: “If I had to choose between Nothingness and Sorrow, I would choose Sorrow”. Anders gesagt: ich überlebte lieber im Krankenhaus als dass ich zu Hause sterben täterä.)

Und, hey, ich hatte gerade eine drei-tägige Medikamenten-Allergie mit Ganzkörper-Streuseloptik und mehr Juckpulver als man sich ausmalen kann hinter mir (und erfuhr in der Folge, es gibt schlimmeres), vor mir lag das Fest mit meinen neuen, mich hegenden und pflegenden, festangestellten Freunden, Weihnachtsgans, Rotkohl, Knödeln, 1.956 kompakten Kalorien. Im Radio lief Jackson Brownes Version von Stay (just a little bit longer).

Was gab es da noch zu überlegen!?

 

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