R101 – Ein Mittel gegen die Unwissenheit

Schon ein seltsames Gefühl, Weihnachten in einer Klinik rumzuliegen, Ärzte, Pflege und Reinigungsdamen von Feier und Freizeit abzuhalten UND nicht zu wissen, was einen krank macht seit Wochen.

Alle Untersuchungen wurden rechtzeitig vor Weihnachten beendet: ich war kerngesund, …


Image by rs, Der Geist der vergangenen Weihnacht

… doch das Rätselraten um Leberzirrhose, Fieber, Gewichtsverlust, geschwollene Lymphknoten ging weiter. Der Plan, per OP einen solchen Lymphknoten raus- und aufzuschneiden, war gefasst, ward verschoben, wurde neu geplant, sollte im folgenden Jahre realisiert werden.

(Im Arztbrief stand später, ich wäre gegen die OP gewesen, hätte am Ende jedoch zugestimmt. Dabei waren eher Weihnacht und schlechtes Timing meiner Malaise das Problem. Was sollte es für einen Sinn machen, einen leckeren, frischen Lymphknoten feiertagslang ungeöffnet in einem arbeitsübersäten Labor vergammeln zu lassen?
Dann lieber nach der Entspannung, im Neuen Jahr, mit ungetrübtem Auge einen frischen Blick auf die Innereien werfen, die wir später über die Nahrungskette wieder dem ewigen Kreislauf des Lebens hinzufügen würden.)

Heute vor einem Jahr war ich genau einen Monat krank – und ohne befriedigende Diagnose. Das beruhigende Surren des elektrischen Bettes gab mir Hoffnung, noch während dieses Lebens eine Lösung zu finden. Und natürlich die jungen Ärzte …

Einen ganzen, langen Monat. Vollkommen unvorstellbar, derart ausgiebig im Bette zu liegen, an ein Quarantäne-Zimmer gefesselt, jeden Tag ein weiteres Loch in meinem Körper, ein weiterer, kleiner Blutverlust im Tausche gegen keinerlei neue Erkenntnis.

Ein ganzes Gehirn voll. Mit Gedanken. Ohne Gedanken. Ohne Sorge. Nirwana. Limbo. Worüber sollte ich auch nachdenken?
Pläne machen? Ich wusste doch nicht, wie es weiterging.
Sorgen machen? Ich wusste doch nicht, wie es weiterging.

Und, nein, dass man nicht weiss, wie es weitergeht, ist nicht negativ. Die Unwissenheit eröffnet alle Möglichkeiten. In Wirklichkeit wissen wir nie, wie es weitergeht. Wir tun nur so als hätten wir alles im Griff, könnten unser Leben meistern, dabei meistert es uns. Könnten unser Leben planen, dabei werden wir verplant. Könnten mit Sicherheit sagen, dass das Morgen kommt. Alles aus Aberglaube (Krawatte, teure Schuhe, die Designer-Mütze, Ihr wisst schon). Alles aus Angst vor der Realität, vor dieser Welt aus Atomen, Elektronen, Strömen, … dem Nichts, …. wir tabuisieren die Unsicherheit, die Ungewissheit, die Unwissenheit und genau deshalb macht diese uns Angst. Ein Teufelskreis.

Dabei gibt es keinen Grund, sie zu verteufeln. Sie allein erlaubt die freie Entscheidung, die freie Wahl, negiert schicksalhaften Determinismus und erlaubt uns, Mensch zu sein mit unserer ganzen Kapazität und Kompetenz.

Aber wer will das schon in diesen Tagen, in diesen Zeiten?

Das Mittel gegen die Unwissenheit? Schonungslose Neugier!

 

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