R101 – Silvester, auch auf Station nur ein Tag wie jeder andere

Gute Vorsätze – das ist immer so eine Sache. Meist sind es doch nur First-World-Problems. Kinderkram – wie zum fünften Male mit dem Rauchen aufzuhören, abzunehmen, zuzunehmen.

Zeugs, das uns das Jahr lang zu schwierig, zu unerreichbar erscheint. Kleine Spiegelchen, die uns unsere unterjährige Unzulänglichkeit vor Augen halten, uns zusammenzureissen, konsequent an uns, unserer Beziehung oder Zukunft zu arbeiten, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Politiker haben auch keine guten Vorsätze. Ganz im Gegenteil, wie man gerade wieder sieht. Manager haben keine guten Vorsätze. Warum auch? Gute Vorsätze ziehen nur Tränen, Trauer und teure Exkulpationen nach sich. Gute Vorsätze bedeuten höhere Preise, versprechen weniger Umsatz, geringere Boni. Wer wollte sehenden Auges derartig dumm sein? Dafür hat man nicht studiert.

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Selbst wenn man 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche vor Silvester im Bett liegt, die Deckenfarbe einen nicht ablenkt, der Ventilator der Unterdruckklimaanlage und das rhythmische Klappern der Pfleger hinter der Luftschleuse die Alphawellen motiviert, wird man auf keinen guten Vorsatz kommen, auf keinen, der den Namen verdient, keinen, der relevant ist, ein wirklicher Quantensprung wäre.

Wie sollte man auch? Gerade am letzten Tage der letzten Woche des Jahres? Dieses Jahres, in dem einem 365 mal schon nichts eingefallen ist? In dem man 365 mal schon keine Vision für sein Leben entwickelte? 365 mal schon murrend aufgestanden, mittags am Schreibtisch eingeschlafen, abends wieder ins Bett gefallen ist?

Wenn man sein Leben 8.760 Stunden nicht im Griff hatte, wie dann plötzlich in den letzten Stunden des Jahres?

Die Wandlung des Menschen zum Besseren, das ist wohl eher etwas für Weihnachtsgeschichten, in denen Menschen sich aufgrund einer blöden Weihnachtsgeschichte zum Besseren wandeln. So mir nichts, dir nichts.

Da muss schon ein wenig mehr passieren, dass Menschen ein neues Bewusstsein entwickeln, über sich hinauswachsen wollen, sich und damit die Welt zum Positiven verändern, weiterentwickeln wollen.

Kein Wunder, dass sich die Pofallas und Merkels und Middelhoffs immer mehr trauen, immer hemmungsloser ihre Vorsätze auf unser aller Kosten realisieren. Immer gieriger, immer materialistischer, immer kurzfristiger denken und handeln.

Wir erlauben es. Stillschweigend. Weil wir keine guten Vorsätze mehr haben. Keine Phantasie, keine Vision, wie unser Leben, unsere Zukunft empathischer, wärmer, zufriedener werden könnte. Weder an Silvester, noch an irgendeinem anderen Tage des Jahres. Wir haben ihnen nichts entgegenzusetzen. Nichts.

Wir haben den schlechten Vorsätzen der anderen nichts entgegenzusetzen. Nichts. Keine Werte, Moral oder Ethik.

Lassen lieber eine halbe Million Minuten ungenutzt verstreichen. Indem wir wegschauen. Die anderen machen lassen. Uns leise unerhört echauffieren. Uns damit ersatzbefriedigen. Unsere Lebenskräfte und Lebenszeit verschwenden. Nicht auf unseren Bauch hören. Wider besseres Wissen nicht handeln. Nicht aufbegehren, nicht protestieren.

Lassen lieber unsere halbe Million Minuten ungenutzt verstreichen. Statt diese halbe Million Minuten mit den jeweils 500.000 Minuten unserer 81 Millionen Mitbürger zu verschmelzen. Uns zu sammeln, zu finden, zu einen. Uns zu einigen. Dass es so nicht mehr weitergeht. Nicht ohne gute Vorsätze, Ziele, Visionen. Ohne Rückgrat. Ohne Zorn. Ohne Gefühle. Ohne Gewissen.

Silvester – am Ende ein Tag wie jeder andere.

 

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