Ein Jahr nach der Diagnose – Ein Jahr in Orwells Raum Nr. 101?

81 wäre meine Mutter gestern geworden. An ihrem 80. Geburtstag bekam ich abends meine Diagnose. Als mir die Ärzte gaaanz behutsam die Untersuchungsergebnisse meines am 04. entnommenen Lymphknotens mitteilten, wusste ich nicht, woran ich zuerst denken sollte.

Via ‘this message is too wide to fit your screen’.

Dass das Team noch zu jung war und noch zuviel Schrecken vor einer tödlichen Krankheit in sich trug? Dass ich für die Konsequenzen der Diagnose eigentlich keine Zeit hatte? Dass knapp 50 Jahre auf der Erde dann eben auch reichen mussten?

Zu pathetisch kam mir vor, an all die Dinge zu denken, die ich eigentlich noch erleben wollte, wofür es aber nun zu spät sei.

Nein, im Grunde war es mir egal. Die Diagnose, das komplette Drumherum. Die traurig dreinblickenden Ärzte. Die sich ergebenden Konsequenzen.

Ich sagte nur ‘Ja’ oder ‘Okay’ oder irgendetwas in der Art. Zu denken gab es gerade nichts. Nichts zu entscheiden. Nichts zu planen. Nichts zu bereuen.

Mir fielen nichteinmal meine drei Lieblings-Kurzsätze ein: Ich fürchte nichts. Ich begehre nichts. Ich bin frei.

Ich lebte. Den Rest klären wir, wenn wir mehr wissen, dachte ich. Bis hierher gab es keinen Grund, den Kurs zu ändern. Keinen Grund, sich Gedanken, gar Sorgen zu machen. Keinen Grund – während andere in gleicher Situation längst den Grund unter den Füßen verloren hätten.

Die Ärzte jedenfalls erklärten weiter, man wisse nicht genau, welcher Lymphdrüsenkrebs mich ergriffen habe. Man wisse nicht wie und man wisse auch nicht genau, ob ich überhaupt Krebs hätte. Man sei sich nur zu 99,5% sicher.

Sag ich doch, ich habe gar nichts.

Der Pathologe könne nicht mit 100%iger Sicherheit eine Medikamentenallergie ausschließen. Ich habe gar nichts.

Ich mochte den Pathologen auf Anhieb. Nicht, weil er mir Hoffnung machte. Weil er seinen Job ernstnahm. Weil er nicht einfach, um schneller nach Hause zu kommen, die 0,5% noch rübernahm auf die Krebsseite der Gleichung. Weil ihm ein Rätsel war, was er sah. Und Rätsel wollte er lösen, nicht vom Tisch wischen. Deshalb hatte er studiert. Deshalb liebte er seinen Job. Guter Mann.

Aber ich sollte mehr an mich denken, dachte ich. Krebs, kein leichtes Brot.

Man bot mir Schlafmittel an. Beruhigungsmittel. Anti-Depressiva. Einen Psycho-Onkologen und einen Onko-Psychologen oder so. Ich lehnte vielmals dankend ab.

War das jetzt mein Raum 101, in dem das Orwellsche 1984er Regime jeden mit seiner individuell größten Angst konfrontierte? Die Angst vor dem Tode? Die Angst vor dem Sterben? Die Angst vor der Angst vor dem Tode?

Hatte ich – wie es sich inzwischen gehörte – noch gar nicht realisiert, was da auf mich zukam? Hatte ich zumindest einen kleinen Schock? Wenn nicht, vor was hatte ich dann Angst, wenn schon nicht vor dieser Nachricht, diesem Tode?

Der Tod kam, der Tod ging. Ende und aus. Man war dann eben nicht mehr da. Der Kuss, die Umarmung, der Schluss, wie Hans-A-Plast es zu ihren besten Punk-Zeiten formuliert hatten.

Boah, Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie wenig Angst ich hatte. Selbst ich hätte es mir zuvor, theoretisch gefragt, nicht vorstellen können. Niemals.

Man kann es sich einfach nicht vorstellen. Man muss die Situation erleben. Man kann sich auch nicht rational entscheiden, wie man reagiert.

Ich denke, es ist ein Reflex, der ein Leben lang gewachsen ist. Du bereitest Dich Dein ganzes Leben auf diesen Moment vor. Ob Du willst oder nicht. Unbewusst, intuitiv. Die Entscheidungen, Ideen, Konzepte Deines Lebens kumulieren in diesem Klimax. Ob Du willst oder nicht. Du bist Du selbst in diesem Moment. Allein, und Du selbst, und beides ist gut, richtig und wichtig.

Entweder Du ängstigst Dich, und stirbst vielleicht sogar genau daran, oder Du lässt Dich auch von solchen Gedanken nicht ablenken. Hast nicht einmal diese Gedanken. Und kannst Dich deshalb auf das Wesentliche konzentrieren: Dein Leben, nicht Deinen Tod. Enjoy!

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