R101 – Lost in Transition II: Neue Horizonte und die psychologische Herberge namens Heilbar

Die ersten paar Tage zu Hause, nach 6 Wochen Klinik. Man kommt gar nicht so richtig an. Man fühlt die trockene Haut, streicht über die Blutergüsse in beiden Armbeugen.

Dutzende Infusionen, Spritzen, Blutentnahmen hinterlassen nur langsam verwehende Spuren. Ebenso wie die ersten Gehversuche junger Medizinstudenten, immer an den Adern der Unterarme entlang. Sich austestend – und meine Geduld.

Ich bastele mir eine Flagge mit den Worten, die seit jüngster Kindheit mein Motto in der Krankheit sind: Jedes Loch im Körper ist eines zuviel.
Ich werde sie mutig und ein wenig trotzig hochhalten. Nächstes Mal.

Via ‘this message is too wide to fit your screen’.

Man ist zwar entlassen, aber doch auf den Klinikfluren. Versuchend, in wartender Hab-Acht-Position den nächsten freien Slot des aktuell behandelnden Arztes zu erwischen.

Zu tun ist nichts. Wir warten gemeinsam auf die Ergebnisse – unterbrochen von regelmäßigen Blut-Checks – der externen Analyse meines Lymphknotens.

Einstein behauptet, Gott würfle nicht. Aber er scheint die 50%ige Wahrscheinlichkeit einer Medikamentenallergie neben der 50%igen Wahrscheinlichkeit des Lymphdrüsenkrebses zuzulassen. Vielleicht würfelt er nicht. Dann wirft er eben eine Münze.

Jeder ist bemüht, mir Hoffnung zu vermitteln mit irgendwelchen Heilbarkeits-Floskeln. Das ist nett, aber eben auch ein wenig mit der Gießkanne über die Leute ausgegossen, die im Warteflur vor sich hin sterben.

Wenn alle versuchen, einem Hoffnung zu geben, kommt man erst recht ins Grübeln, ob dies nicht doch das letzte Abenteuer ist, das man erlebt.

Wenn dieser Krebs für alle Nicht-Betroffenen so heilbar scheint, warum sterben dann soviele Betroffene daran? Aber die Nicht-Betroffenen meinen es ja gut.

Manchen scheint es zu helfen, Unterschlupf in dieser gemütlichen Herberge namens Heilbar zu finden … bis sie dann mit voller Wucht von der Realität überrascht werden. Und schließlich an ihr zerbrechen.

Das kann man vorher wissen. Und kehrt erst gar nicht ein. Macht es sich nicht gemütlich. Vertraut nicht auf Gott oder Glück oder gute Worte. Oder gar den Teufel in Gestalt des Herbergsvaters. Einen zum Müßiggang verleitend, zur Achtlosigkeit. Einen den gesunden Respekt vor diesem Krebse verlieren lassend. Einen verführend, das Ganze nicht so teuflisch ernst zu nehmen. Einen hoffnungstrunken keinen klaren Gedanken mehr fassen lassend.

Ich mag den Regen. Den Wind, der mir ins Gesicht schlägt. Ich breite die Arme aus und umarme den Sturm. Stehe vor der Herberge und schaue in die Ferne. An den Horizont – Ende der Welt oder Beginn eines neuen Tages, eines neuen Lebens?

In der Herberge bekommt man von alledem nichts mit.

 

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