R101: Lost in Transition III oder Was ist Dein Salvation Mountain?

Endlich Gewissheit – auch wenn man sie genau so nicht wollte. Alles ist besser als diese Ungewissheit. So dachte ich heute vor einem Jahr. Endlich war es beendet, dieses Hin und Her der letzten Wochen, Monate gar.

Via LA Times, Image by Don Bartletti.

Nun war praktisches Handeln angesagt: ambulante Chemotherapie, autologe Stammzelltransplantation, Quarantäne überleben.

In allerspätestens 10-14 Tagen würde die Therapie beginnen. Ein kurzer Urlaub war nicht mehr drin, sonst könnte es der letzte gewesen sein. Na super.

Während ich so vor mich hinstarb, begann für AJ ein neues, wunderbares Leben. Ihr Akademie-Abschluss als Andreas Gurskys Meisterschülerin stand in wenigen Tagen bevor.

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Dieser Tage starb Leonard Knight, ‘who spent three decades working on Salvation Mountain, the folk-art monument to his Christian faith in California’s Imperial Valley’.

Wir besuchten ihn dort, als wir durch Kalifornien tourten. Ein wundervoller Mensch, der einfach nur seinen bescheidenen Lebenstraum verwirklichte.

Wir sprachen ein paar Stunden mit ihm. Er führte uns durch sein Reich, erklärte uns alles, erfreute sich an unserem ungläubigen Staunen. Er war so friedvoll. So dankbar, dies alles erschaffen und erleben zu dürfen.

Er sprühte vor Energie, Enthusiasmus und Tatendrang. Er lebte in brutalster Armut, dankbar für jeden Eimer Farbe, sein Werk fortzusetzen. Für jeden alten Autoreifen, bunten Glassplitter, sein Werk zu perfektionieren. Und von jedem Splitter wusste er noch zu berichten, woher er stammte.

Um Menschen mit dem eigenen Wirken zu inspirieren, muss man nicht gläubig im religiösen Sinne wie Leonard sein. Man muss ‘nur’ ein Ziel haben. Und das bedingungslose Commitment, dieses auch zu realisieren.

Eine Kathedrale seines Glaubens zu bauen war der Sinn Leonards Lebens, und allen davon zu erzählen, sie zu begeistern und zu inspirieren.

Zu inspirieren, es ihm auf ihre eigene, individuelle Art gleichzutun. Ihn und seine Kathedrale, seine Kraft, seine Kreativität, seine Ausdauer und seinen Willen als Benchmark und Herausforderung des eigenen Schaffens anzunehmen.

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Was würde bleiben von mir? Was ist meine Kathedrale? Mein Salvation Mountain? Was hatte ich bis jetzt erreicht im Leben? Konnte ich beruhigt gehen und hinterließ ich genügend Anregungen, Inspirationen und vorbildliches Vorangehen, damit mein Lebenswerk nicht allzuschnell in Vergessenheit geriet? Es gar von anderen fortgesetzt werden könnte?

Was hatte ich als mein Lebenswerk vorzuweisen, wenn Petrus fragte? Buddha? Oder die alles verbindende, universelle Energie? Was könnte Bestand haben vor diesen überlebensgroßen Augen am Himmel? Vor meinem eigenen, inneren Auge?

Und musste es überhaupt ein alle(s) überstrahlendes Lebenswerk geben? War es nicht Lebenswerk genug, vorbildlich gelebt zu haben im Kreise der Liebenden und Geliebten? Sein Auskommen gehabt, niemandem geschadet zu haben? Alle so behandelt zu haben, wie man auch selbst behandelt werden wollte? Geliebt worden zu sein für den Charakter und Menschen, der man war?

War dies nicht besser als auf Kosten der Gesellschaft und der Schwächeren Ruhm und materielle Reichtümer anzuhäufen? Sich auf Teufel komm raus durchzusetzen gegenüber inhaltlich und menschlich besseren, klügeren und weiseren?

War es nicht besser, glücklich und zufrieden und nie wirklich einsam gewesen zu sein?

Fragen über Fragen. Waren wir bereit für einen abschließenden Blick auf unser Leben? Ist es so für uns perfekt gewesen? Je früher wir uns den Fragen stellten, desto bereiter wären wir für die Antworten.

 

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