R101 – Die fabelhafte Chemo der Dr. Amelie und mein Kryptonit

25./28. Februar 2013 – Morgens früh holte mich die dunkle Mercedes-Limousine zur ersten ambulanten Chemo ab. Ich war ein wenig hin- und hergerissen zwischen Filmstar, Vorstandsmitglied und Leiche. Das gute Wetter verhinderte zum Glück düsterere Gedanken.

Die Chemotherapie sollte in einer äusserlich verkommenen Baracke erfolgen, deren Inneres durch Dr. Amelie und ihre engagierten Helferinnen erwärmt wurde.

Die sonnenlicht-durchfluteten oberen Räume erinnerten an Colins Badezimmer in Vians ‘Der Schaum der Tage‘ kurz bevor Chloes Seerose in der Lunge diagnostiziert wurde.


Via ‘this message is too wide to fit your screen’, 01.März, 2013.

Dr. Amelie näherte sich mit der roten Spritze, ehe ich es mir so recht in den 1.Klasse-Lufthansa-Sesseln der Neunziger bequem machen konnte.

Ihre Infusionsnadel versank schmerzfrei in meinem linken Unterarm, um dort bei guter Führung drei Tage zu verweilen, das Gift in meinem Körper zu verteilen.

“Ich habe zwar gerade die Funktion mit einer Kochsalzlösung getestet, sollten Sie dennoch gleich Schmerzen haben, melden Sie sich bitte sofort”, meinte Amelie (die ich nur Amelie nenne, da ich ihren Nachnamen vergessen habe).

“Wie? Was? Schmerzen?”, fragte ich, wissend, ehe ich zu Ende gesprochen hatte, dass ich die Frage bereuen würde.

“Nun, wenn ich daneben gestochen habe und die Chemo in Ihr Muskelgewebe gelangt, müssen wir sofort schneiden, um möglichst viel vom Arm zu retten”.

Ich lasse die Giftigkeit des mir in die Adern gepumpten Zeugses mal kurz unkommentiert auf Euch wirken, durch Eure Hirnwindungen und Adern – und schaurig den Rücken hinten runter – rinnen.

Alles ging gut, ersteinmal. Und während ich der roten Spritze mit meinen Augen in meine Adern folgte, die Sonne auf meiner rechten Hirnhälfte durch die Scheibe geniessend, merkte ich mit den vergehenden halben Stunden, wie mir die Chemo buchstäblich die Schuhe auszog.

Wow, welch eine Macht, dachte ich, während mich meine Lebenskräfte verließen, von meinem Stuhle glitten und sich im Äther sonnenschwer verdünnisierten.
Ein Bus, der einen anfuhr einfach so, vollbesetzt mit Schulkindern oder Rentnern auf Heizdecken-Pirsch, war nichts dagegen.

So langsam verstand ich manchen Superhelden, wenn Superschurken dessen Superkräfte egalisierten. Kein schönes Gefühl. Man war dem hilflos ausgeliefert.

Ich selbst wusste in dem Moment nichteinmal, war jetzt der Krebs mein Kryptonit oder diese Chemotherapie!?

Vielleicht war ich aber auch nur Kulisse, eben dieses Universum, in dem Superheld und Superschurke sich den letzten, alles entscheidenden Kampf lieferten.

Es würde einige Kollateralschäden geben, klar, aber am Ende würden das Universum, der Superheld und die Menschheit überleben.

Ich erinnerte den galaktischen Silversurfer, mit dem ich bald wieder meine Runden drehen wollte. Also Konzentration, auf diesen Uberkampf, das Überleben, die Zukunft!

“Lasset die Cancer Games beginnen!” rief ich mir selbst ein wenig Mut herbei.

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