R101 – Wenn die Chemo nach hinten losgeht

03. März 2013 – Ups, dumm gelaufen. 39Grad Fieber nach der Chemo. Innerhalb weniger Stunden. Ein Alarmzeichen, dass mich nach Ansage der Ärzte ohne weiteren Verzug in die Notfallambulanz der Uniklinik beorderte.


Via 'this message is too wide to fit your screen', no.688.

Hm, hier habe ich vor knapp drei Monaten schon einen halben Tag verbracht. Damit begann mehr oder weniger der ganze Schlamassel.

Und nun gehen wir auf DEFCON ZWO. Fieber, ie. Entzündung, im Organismus. Notfallmassnahmen müssen schnellstmöglich eingeleitet werden.

Schnellstmöglich, sagen die Ärzte, das "asap" des hyperaktiven Managers. Schnellstmöglich bedeutet in der Notaufnahme eines flockigen Sonntagsabends um 1800 Uhr: 'Mal gaaaanz locker, einer nach dem anderen. Krebs? Meinen sie die anderen Leute wären zum Spaß hier? Setzen Sie sich mal da hinten hin. Wir rufen Sie auf', oder so ähnlich.

Wir sind unterbesetzt an den lebenswichtigen Positionen dieses Landes, weil wir unser Geld lieber ausgeben, um Menschen das Leben zu nehmen, mit neuen Gewehren, Panzern, Hubschraubern, Drohnen, die dann entweder nicht gut genug fliegen oder gar nicht. Warum auch? Die Industrie kassiert die spannendsten Milliarden für Entwicklungsprojekte, Wolkenkuckucksheime, die nie funktionieren, nie treffen, nie zum Einsatz kommen.

Nach 2 Stunden, ich hatte mich inzwischen in der Notaufnahme hingelegt, maß jemand mein Fieber, bestätigte netterweise unsere Angaben, reichte mir einen Mundschutz, damit ich mich nicht an den anderen ansteckte. Hm.

Ich kam in einen abgetrennten Raum, da jemand Studiertem wohl die Bedeutung des Wortes Krebs aufgegangen war. Dort warteten wir so lange, dass wir aus lauter Verzweiflung halbgare und halbwarme Würstchen aus dem Automaten aßen – und uns entsprechend fühlten.

Ein wundervoller Start in meine Krebskarriere. Wenn das so weiterging, verstand ich langsam, warum so wenige überlebten. Warum bloß sollte ich so schnell als möglich kommen, wenn es dann so lange wie möglich dauerte? Verdrecktes System.

Nach weiteren Stunden stellte man eine Entzündung im Körper fest. Was, glaube ich, die Regel bei Fieber ist. Deshalb musste ich ja einrücken. Und fragte mich der Sicherheit halber nochmal nach irgendwelchen Symptomen. Ich blieb bei meiner Geschichte und verneinte. Sorry.

'Wir geben Ihnen ein Antibiotikum'. Ein Antibiotikum ist immer gut, dachte ich, obwohl ich gelernt hatte, dass ich das ein paar Tage lang nehmen muss, ehe sich eine Wirkung einstellt. Na klar, die stationäre Einweisung folgte auf dem Fuße. Das hätte ich auch vor sechs Stunden und einfacher haben können. Hatte hier keiner so richtig Krebs studiert?

Superstart der ambulanten Chemotherapie. So hatte ich mir das nicht vorgestellt, und so hatte mir das auch niemand prognostiziert. Aber hey, es war Krebs, kein Schnupfen. Also Klappe halten und durch.

Auf zu den Freunden auf der bekannten Krebsstation. Wiedersehn feierte man in solchen Fällen nicht, sondern bekam eher vorgehalten, man hätte sich doch nicht mehr blicken lassen sollen.

Nun, der Krebs hielt das Heft in der Hand und man tanzte nun nach seiner Pfeife. In diesem Sinne. Gute Nacht.

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