R101 – Clockwork Orange, der Metzger und der heiße Ritt auf der Schüttelfrostmaschine

Heute schaue ich aus dem Fenster, auf die Sonne, diese Orange, die unser aller Leben ermöglicht, aber auch unser Sterben beschleunigt. Tick. Tick. Tick.

Diese heiße Sonne vor Augen, die mich noch mehr frösteln lässt, denke ich zurück an diese Tage vor genau einem Jahr – 13. März, 2013.

Zehn Tage war ich inzwischen wieder auf der Krebsstation. Zehn Tage mit bis zu 40Grad Fieber. Zehn Tage ohne eine Idee des Teams, woher dieses Fieber kommt.
Klopfte der Krebs zum zweiten Male bei mir an?

Postmann
Via Ministry of Truth.

Das ist schon eine faszinierend andere Situation, kalt demonstrierend, wie wichtig Kontext ist.

Mein Kontext des ersten zehntägigen Fieberschubes Ende November 2012 war einfach: "Morgen schon ist alles wieder gut". Mein Kontext dieses aktuellen, zehntägigen Fieberschubes, nach der ersten, unwirksamen Chemo ein wenig komplexer:

"This is the end
Beautiful friend

This is the end
My only friend, the end

Of our elaborate plans, the end
Of everything that stands, the end

No safety or surprise, the end
I'll never look into your eyes…again"

– The End, by The Doors

Zum Glück nur 6Min:30 lang.

Dann begann der erste Schüttelfrost. Hattet Ihr schonmal Schüttelfrost? Ich nicht. Und das Ärzteteam, schnell gerufen vom erstaunten Metzger neben mir, wohl auch in dieser Form noch nicht gesehen, wenn ich ihre großen Augen richtig erinnere.

Zumindest ich hatte noch tagelang Muskelkater ob meiner ekstatischen Zuckungen, ca 20 Minuten lang. In Bauch, Leiste, Schultern, Unterarmen, Unterschenkeln. Muss man selbst erlebt haben. Hätte nie gedacht, wo da noch überall Muskelreste herumschlabbern.

Der Nachbars-Metzger war ebenso beeindruckt, erinnerte jedoch pietätvoll nicht an irgendwelche Vergleiche mit via Bolzenschussmaschine zu erlegenden Kühen und ihren letzten Sekunden.

Überhaupt war der Metzger ein cooler Bursche. Wir lagen bereits drei Tage mehr oder weniger schweigsam in unserem gemütlichen Doppelzimmer als ich ihn doch mal frühstücks ansprechen musste, um nicht als unhöflich zu gelten: "Ist das so okay, oder wollen Sie gerne mehr reden?" Man ist ja kein Unmensch.

Staubtrocken kam die Antwort, die mir nicht nur recht war, sondern auch bewies, ich hatte mich richtig verhalten und wir würden uns weiter blind verstehen und nie streiten: "Passt scho".

Ich würde ihn also weiter wortlos mit meinem Schüttelfrost unterhalten und an seinen heimischen Betrieb erinnern. Mehr konnte ich nicht tun. Vielleicht besuche ich ihn mal hinter seiner Fleischtheke.

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