R101 – Lawrence von Arabien und die Osterente

Ostern. Die Krebsstation ist unterbesetzt. Jetzt bloß keine Komplikationen entwickeln während bereits ein anderer stirbt. Beide können nicht gerettet werden.
Die Ente mit Rotkohl und Knödeln tröstet da über manchen Verlust hinweg.

Ostern vor einem Jahr bin ich im Zelltief, einer Zeitspanne von fünf bis sechs Tagen, in der alles möglich ist. Die Chemo zerstört mit dem Krebs auch viele andere schnellwachsende Zellen. Mundschleimhaut, Darm, Magen. Collaterals. Haare. Fingernägel. Alles wird im Wachstum gestoppt. Das ist die Idee.

Den Bach runter geht auch das eigene Immunsystem. Für ein paar Tage jedenfalls. Dann berappelt es sich wieder, dann dürfen Besucher wieder ohne Mundschutz, Handschuhe und Körperkittel zu dir. Dann darfst auch du das Zimmer wieder ohne diesen Krempel verlassen. Oder eben nicht.

Den Bach hoch springen nur die Lachse, die stark genug sind, die vorher trainierten, die dem Bären Krebs und seinen tödlichen Pranken ein Schnippchen schlagen.

Den Bach runter gehen all die Luschen, die Angst vor Injektionen, Infusionen und Schmerzen haben, die ÄrztInnen nicht vertrauen, die sich nicht an die Regeln der Prophylaxe halten, die zu sehr von sich überzeugt sind, so dass sie Fehler machen. Flüchtigkeitsfehler – die weder der Krebs, noch die Therapie verzeihen.

Den Bach hoch springen die Läufer, die geistig und körperlich Beweglichen. Die Harten, die es mit Lawrence von Arabien halten, der ein brennendes Streichholz mit bloßen Fingern ausdrückt: ‘Das muss doch furchtbar weh tun.’ – ‘Ja.’ – ‘Da muss doch ein Trick dabei sein.’ – ‘Ja: Es darf einem nichts ausmachen’.

Statt mir einen Port, in die Brust, direkt über dem Herzen, bei Vollnarkose einpflanzen zu lassen, entscheide ich mich für einen Katheder in der Halsschlagader.

Drei dünne Schläuche werden durch die rechte Halsschlagader, an der Lunge vorbei, links rüber zum Herzen geschoben, dann am Hals mit zwei Stichen angenäht. Im Bette wird man zum Röntgencheck gefahren, ob die kleine OP vielleicht die obere Lunge perforiert hat. ‘Hat sie nicht, sonst würden Sie pfeifen beim Atmen’, erklärt man mir beruhigenderweise.

Weniger beruhigend: in der Bettenschlange vor dem Röntgen wartend, fühle ich eine warme Flüssigkeit an meinem Hals herunterlaufen. Hallo Halsschlagader, jetzt nicht schlapp machen. Hallo Herz, jetzt langsamer pumpen. Laaangsamer, nicht schneller. Hallo Pfleger, können se ma gucken? – Mein Gott, Sie bluten aus dem Hals!

Während man beim ersten Mal noch voller Todesahnung nach Hilfe ruft, bittet man beim zweiten Mal, wenige Wochen später, nur noch locker darum, das Kopfende hochzustellen, damit das Blut nicht aus dem Halse läuft.

Das scheint wirklich der ganze Trick zu sein: es darf einem einfach nichts ausmachen.

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