R101 – Lebensstille oder Der längste Tag ist die Nacht

Die eindrucksvollste Stille auf der Krebsstation ist nicht die des Todes.
Es ist die Stille des Lebens.

Stille. Während der Nachbar leise zu sich betet gegen Morgen. Der Mond sich kalt gegen die Scheibe drückt. Die Dunkelheit durch das Fenster dringt, über den Boden ergießt, den Raum durchflutet. In Schach gehalten allein von diesem surrenden Laserschwert, eingeklemmt zwischen Zimmertüre und Boden.


Via ‘this message is too wide to fit your screen’.

Auf uns selbst und das Echo aus diesem Hohlkörper zurückgeworfen, den Älteren noch unter dem Namen Hirn bekannt, würden wir eingehen. Wie unter Folter.

Stille. Während der andere leise masturbiert und man sich neugierig fragt, ob er an Frau oder Tochter denkt.

Weil wir selbst zu laut geworden sind. Weil wir alle übertönen wollen. Nach ungeteilter Aufmerksamkeit heischend.

Stille. Während der Sauerstoff unnütz vor sich hinblubbert, da der Nachbar zu stolz ist, sich ihm anzuvertrauen. Männer.

Wir schreien um die Wette, weil wir die Stille in unseren Köpfen längst nicht mehr aushalten. Ohne all diese lauten Bildchen, Abziehbildchen dessen, was wir Leben nennen.

Stille. Während man an die Decke starrt. Sich fragt, wann Gott diese Welt verlassen hat. Man kann es verstehen. Man akzeptiert es. Verzeiht es nicht.

Stille. Während der kurzen Pausen der alten Damen, die sich seit Nächten die ebenso alten Geschichten vom Kriege wieder und wieder und wieder erzählen. Wieder- und wiederkäuen, was Morbus Alzheimer ihnen gelassen hat.

Stille. Während man die feuchte Stirn an die kalte Fensterscheibe lehnt und herunterschaut aus dem siebten Stock auf die Ameisen. Sich fragt, warum man ihnen nicht freudig entgegenspringt. All dem ein Ende macht. Der Politik. Der Wirtschaft. Dem Konsum. Der Kommerzialisierung jedes einzelnen Gedankens. Der Entemotionalisierung jeden menschlichen Gefühls. Diesem längst gescheiterten Experiment Leben.

Stille. Während die Gedanken tränengleich die Scheibe herunterrinnen. Sich verlierend im Ozean aller Tränen. In der schizophrenen Hoffnung, doch noch ein wenig länger dem Tode zu entrinnen. Doch noch ein wenig langsamer zu sterben.

Vielleicht sollte man ehrlich sein und dieses Leben einfach Wachstum nennen. Und seine Auswüchse Metastasen. Nicht Karriere. Krebs.

Stille. Ehe der neue Tag beginnt.

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