R101 – Die Beipackzettel-Exegese oder The Freigeist saved my Life

Wenn eine DHAP-Chemo mit Platin(!) 22 Stunden dauert, und 16 Stunden "nach der Gabe" eine Nieren-rettende Infusion überlebensnotwendig ist, wann ist dann "nach der Gabe"? Bei Stunde 16 oder Stunde 38?

Diese Frage hielt mich von Stunde 8 bis Stunde 15 (was in meinem Falle 0300 Uhr bedeutete) wach. Kein Pfleger oder Arzt gab mir bis dahin eine mich befriedigende Auskunft.


Via 'this message is too wide to fit your screen'.

Inzwischen hatte ich sie alle verrückt gemacht. Kein Mensch hatte bisher die Mehrdeutigkeit der Anweisung erkannt. Die Meinungen gingen auseinander, die Station, die Klinik, die medizinische Welt drohte an dieser Frage auseinanderzubrechen.

Aber es ging um das Überleben meiner Nieren, kurz danach mein eigenes. Da will man genau die Antwort hören, die der eigenen Lebenslogik entspricht, und will nicht lange fackeln. Oder will zumindest eine so gute Begründung, dass die eigene Logik gerne in einer Explosion überwältigender Argumente aufgehen kann.

Der Verlust der Nieren wäre eine Komplikation, die ich mir nicht leisten wollte. Und bestimmt nicht aufgrund der Fehlinterpretation einer langweiligen Wortkombination in einem langweiligen Beipackzettel. Auch wenn das Ringen um das richtige Wort des Poeten und Autors schönster Tod ist. Hier wird der Dichter und Denker schließlich zur Spaßbremse.

Nachts um 0300 schaltete ich die einzige wachhabende und -seiende Ärztin des Hauses ein. Ihren ersten Antwortreflex verteidigte sie 5 Minuten mit Bravour. Ich blieb unzufrieden. Sie auch. Wir legten also auf.

Drei Minuten später meldete sie sich wieder. Ich hätte recht, meinte sie. Sie hätte nochmal nachgeschaut, weil sie bemerkt hätte, wie unzufrieden ich mit ihrer Antwort war.

Warum erzähle ich diese unendlich langweilige Geschichte? Weil sie eben nicht unendlich langweilig, sondern ungemein spannend ist. Weil sie die Grundfeste unserer Welt erschüttern kann. Weil sie zeigt, dass es nicht nur zwei Perspektiven auf ein und dieselbe Sache gibt (Wer meine Mails nicht beantwortet, isst auch kleine Kinder …), sondern auch die Möglichkeit, dass man selbst sich irrt. Gerade bei den kleinsten, einfachsten, mechanischst abgearbeiteten, niemals hinterfragten Routinen des Alltags.

Ich liebe diese Menschen, die sich dies Denken in den heutigen Zeiten bewahrt haben, in denen sich die Erde schneller als je zuvor unter unseren Füßen dreht.

Diese Menschen, die in diesen Zeiten ihre Vorurteile überwinden, ihr bestehendes Wissen riskieren, es kontinuierlich wandeln und wachsen lassen an der Reibung mit Laien, Amateuren im wahrsten Sinne des Wortes, den Unvernünftigen. An eben diesen Menschen, die die Dinge noch infragestellen und nicht als Gott-, Politik- oder Konsumgegeben unterstellen. Phantastisch.

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