R101: Das Wort zum Ende der Quarantäne, der Zeit und der Menschen

Freitag vor einem Jahr wurde ich wegen guter Führung eine Woche früher aus der Quarantäne entlassen. Aus diesem Anlass:

I. Eine Reflexion über das Heute, die Zeit und die Menschen:

Ein Jahr. Das ist eine so unendlich lange Zeit, dass es eine Schande ist, wie wenig wir in einem Jahr schaffen. Wie wenig wir (uns) bewegen. Wie wenig wir uns weiterentwickeln. Wie wenig wir wachsen. Qualitativ. Über uns hinaus. Unabhängiger, brillanter, relevanter werden. Als Individuum, als Wirtschaft, als Kultur, als Gesellschaft. Das Gestern hinter uns lassend. Eine wirkliche Schande.

Unsere Konsequenz daraus? Wir denken noch mehr an uns. Wir arbeiten noch mehr, noch schneller. Wollen dafür noch mehr Geld, Konsum, Unnützes um uns scharen. Wollen noch mehr HABEN. Willigen ein, dafür noch weniger zu SEIN. Wollen alles und verzichten auf nichts. Wissen gar nicht mehr, was wir noch wollen. Hauptsache, mehr als alle anderen. Gleichgültig der Welt, den Menschen, uns selbst gegenüber. Dahinvegetierend, dahinkonsumierend, dahinsiechend, pyrrhus-siegend.

Immer mehr vom immer gleichen macht uns immer seltener und immer weniger froh. Wir haben immer weniger Spaß an all dem Materiellen. Verfluchen heimlich und leise dieses Hamsterrad, das Kettenkarussel. Sehnen uns nach Abwechslung, Vielfalt, Sinn. Sehnen uns nach Berührung, Haut, einem Hauchen. Sehnen uns nach einem Menschen. Nach nur einem einzigen Menschen. Mit ihm oder ihr die Leere zu teilen, die wir inzwischen Leben nennen. Zu erkennen die Leere. Zu fühlen die Leere. Zu füllen die Leere. Den Kopf zu heben. Die Augen zu öffnen. Endlich zu erwachen. Aus dieser Leere, diesem Schlaf, diesem Tod, den wir Leben nennen.

II. Warum ich denke, dass auch in diesen letzten 12 Monaten nichts besser geworden ist: ein Repost vom 15. Juli 2013, wenige Tage nach meiner Transplantation:

Als sie wach wurde, war Irene immer noch der gleiche Mensch, weder Mann noch Frau, schwarz noch weiß, groß noch klein. Weder un- noch gläubig.

Sie legte ihre Dreifaltigkeit ab und verzichtete von nun an auf ihre Namen. Irene, Autor, ich.

Sie legte ihre Weiblichkeit ab, damit ihr mehr Männer zuhörten, und ihre Männlichkeit, damit ihr mehr Frauen Gehör schenkten.

In ihr wuchsen die zarten Bande eines neuen Lebens. Die Welt drehte sich schneller unter seinen Füßen. Alle stolperten weiter über ihre eigenen, statt den Kopf zu heben, die Augen zu öffnen, zu sehen, dass es einfach nur immer schneller dem Abgrund entgegen ging.

In ihm war weitaus mehr Tod als Leben. Ein Grund, die ersten Joy Division Platten zu hören. Kein Grund, das Denken zu ändern, oder gar einzustellen. Der Tod war der einzige Grund, innezuhalten. Das Sterben nicht.

Vor allem nicht dieses langsame Sterben, bei dem wir alle zuschauten, in Neuland, Altland, Tagesschau, vor dem Altar der Dummheit … uns selbst … immer wieder … uns labten, dass es den anderen noch schlechter ging. Uns lustig machen über die Hilflosen, über die sich echauffierenden, lustig über die, die etwas tun, und über die, die nichts tun. Über jeden.

"Die Dummen lachen", sagte mein Vater dann immer.

Fuck den Papst in Rom. Setz ihn in einen Dom auf die Grenze zwischen Israel und Palästina.

Fuck die Koalition der Ahnungslosen allüberall. Gib ihnen Rückgrat, Kompetenz, Zivilcourage. Fang in Deutschland an. Fuck die Medien, die Rezipienten, die lethargischen Totengräber der Demokratie.

Fuck die Dummen. Gib ihnen Bildung. Fuck ARD/ZDF/GEZ. Lass uns die 7.500 Millionen Euro jährlich in Bildung stecken. Fuck die Journalisten, die denen in den Arsch kriechen. Fuck die Leser, die diesen Müll konsumieren.

Fuck die Drohnenproduzenten und ihre nützlichen, politischen Idioten. Fuck alle Waffen, alle Despoten, die anderen Despoten diese Waffen verkaufen. Fuck War!

Fuck alle Pfaffen, die diese Waffen auch noch segnen, um ihre Opfer ihrem Gott schneller näher zu bringen.

Fuck alle Götter, die nicht miteinander reden und diesem Jammertal mit einem Gedankenstrich den Garaus machen.

Fuck alle, die tatenlos zusehen. Fuck alle, die nicht schreiben, reden, schreien – sondern Chips fressen, Cola saufen, T-Shirts für 1 Euro kaufen.

Fuck alle, die dieses Elend erst möglich machen. Diese individuelle Barbarei unter dem Deckmantel effizienter Vernunft, Zahlenschacherei, statt Menschwerdung. Fuck alle, die Gesetze erlassen, die Armen zu knechten, statt sie zu ermächtigen.

Fuck alle, die die Armen, Dummen, Behinderten, Autisten, zu Schnellen, zu Langsamen, die Dementen, die Renitenten in Schach halten, zu Abseits der Norm erklären, verstecken, wegsperren, statt ihnen Individualität, Weisheit, Weitsicht, größere Gesichtskreise zuzusprechen, sie zu ehren, zu fördern, sie zu unseren Anführern zu machen.

Fuck die, die meinen, die Normalsten, Durchschnittlichsten, Langweiligsten, Schissigsten, der Mann von der Strasse müsse unser Anführer sein. Genau der nicht. Den haben wir jetzt. Den Duckmäuser. Die Stasi-domestizierte Ausgeburt eines Überwachungsstaates, die sich immer noch nicht unwohl fühlt.

Fuck die, die meinen, wir brauchen keine Visionen. Keine Werte, keine Ungeschriebenen Gesetze.

Fuck die, die denken, die Wirtschaft brauche keine herausfordernden Ziele, nur monopol(quadrupol)-erhaltende Gesetze, Profite und Boni.

Fuck den Kampagnenfeminismus, der sich über Anzeigen in der Tagespresse aufregt, und fehlbesetzte Podien, aber nicht in der Lage ist, den Frauen intakte Unterhosen, Körperpflege, Benehmen, Auftreten in der Fußgängerzone zu geben.

Fuck die Kirche, die immer noch sich selbst im Mittelpunkt der Welt sieht, statt Menschen, Krankenhäuser, Essen, Wasser, mentale und materielle Unversehrtheit für alle.

Fuck die, die immer noch nicht verstehen, dass bestimmte Institutionen bestimmte Menschen anziehen, Bundeswehr, BND, MAD, etc. Versteht endlich, dass wir gute Institutionen schaffen müssen, damit die Menschen gut bleiben. Menschen müssen im Vorhinein in der Lage der Freiheit belassen, im Zweifel wieder in die Freiheit entlassen, nicht aber im Nachhinein kontrolliert werden.

Fuck die, die immer noch meinen, die Menschen wären böse – und nicht die Zustände, die wir schaffen. Wir sind der Krebs, die Geflügelfarm, der Terror selbst.

Bekämpft den Terror, sobald so viele durch ihn sterben, wie durch die Gier der Banken, die Kurzsichtigkeit der Politik, den Straßenverkehr, die jährliche Grippe, den freikommenden Mörder, den kunstfehlernden Arzt, die fehlgeleitete Ernährungs-, Chemie-, Pharma-Industrie. Entwicklungshilfe, und all die anderen Euphemismen, die Ihr geschaffen habt, um die Toten vor uns zu verstecken.

Fuck die, die meinen, es gäbe Menschen unterschiedlichen Wertes. Und je mehr wir – heimlich und feige – von den anderen töten, desto besser ginge es uns. Es geht uns einfach allen schlechter. Immer schlechter. Schlechter.

 

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