R101 – Wie ich einmal drei Jahre brauchte, die Mutter aller Tabletten durchzubrechen

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Ich muss mir das jetzt mal von der Seele schreiben. Ich habe drei Jahre gebraucht, ein Problem zu lösen, dass mich zweimal die Woche – also grob 300 Mal(!) – arg mitnahm.

Die ersten Tage meiner Stammzelltransplantation Mitte 2013 waren von 30 Tabletten, Infusionen (24/7 und kürzer), Trallala begleitet. Damit die gespendeten Stammzellen ein neues Immunsystem aufbauen – und dieses nicht meinen Körper(!) abstößt.

Darunter die Mutter aller Tabletten, wie die Medien heute sagen würden. Jeden Morgen, den mein Krebs werden ließ, schluckte ich dieses Monster. Wir hatten einen Vorrat von 314 Millionen Dollar eingelagert, denn das sollte ein langer Krieg gegen Toxoplasmose und andere Terroristen werden.

Jeden Morgen. Würgen. Schon lange zuvor. Alle Taktiken, sie als erste, letzte, oder mittendrin zu nehmen, egal, ob mit Kaffee, Tee, Joghurtdrink, Milch, Wasser, versagten. Gerührt oder geschüttelt. Nichts half. Manchmal sagte ich den Schwestern, dies sei schlimmer als das ganze Krebsgedöns.

Eines Tages gar lag sie durchgebrochen(!) vor mir. Mit teuflisch scharfen, spitzen Kanten und Ecken. Fangzähnen gleich. Grinste mich hämisch an. Ich bat die Schwester um einen Austausch. Weit gefehlt. Es gab keine neue, denn die wären teuer genug, und es sei kein Problem für einen erwachsenen Mann, diese kleine Tablette zu schlucken. Ich aber war weder noch …

Nach dem Schichtwechsel könnte ich den Tablettenfels, den schon Sisyphus ewig den Berg hinaufrollte, auf den Boden fallen lassen – oder die nächste Schwester um eine intakte bitten. Ich tat Letzteres. Mit Erfolg.

Seit Juli 2013 nahm ich noch zweimal die Woche dieses Märtyrium auf mich. Ärgerte mich jedes Mal. Hatte inzwischen vielhundertfach diese Tablettenerbsünde in den Händen gedreht und gewendet. Inständig um Ablass gebeten und gebetet.

Tatsächlich arbeitete ich mich in der ganzen Zeit wohl eher an der Umgehung des Problems als an seiner Lösung ab. Versuchte, Konsequenzen und Collaterals zu minimieren, nicht aber die Problemtablette im Kern anzugehen. Unbewusst hatte ich mich zudem längst mit dem Zustand abgefunden. Entschieden, dass ich sowieso nichts ändern könne. Erschöpft aufgegeben. Mich abgelenkt. Ohne die Sollbruchstelle zu sehen. Zu verstehen.

Aber geht es uns nicht allen so?