ich begehre Nichts! [mind-box-magazine no.02 // sept 2003]

(Background: mind-box-magazine-Website > “Um meine täglich ‘aktuelleren und wahreren’ mind-box-magazine Long Reads in Erinnerung zu rufen und gleichzeitig die ‘historische’ Anmutung des 2003/08er Web-Auftrittes zu erhalten, integrierte ich diesen Part (zwischen den roten Linien) in das ursprüngliche Layout – ohne sonstige Anpassungen. Ebenso bewahrte ich den Charme der Kleinschreibung, des ß, und manchen Fehlers in Programmierung und Originaltexten.

Oberhalb der Texte findet Ihr Cover/Bilder der originalen Anmutung. Sie sollen Einladung sein, dem Link in die Ursprungs-Ausgaben zu folgen und ihr facettenreiches Innenleben zu erforschen. Dieses gewann zwei Lead Awards, Silber 2004 / Gold 2005.

Analog der damaligen Erscheinungsweise gehen hier die damaligen Titelthemen nochmals online. ENJOY!”)

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ich begehre Nichts!
[mind-box-magazine no.02 // sept 03]
[0] ich begehre Nichts!
[1] die einflüsterungen der industrie
[2] der luxus und die moden
[3] das wesentliche
[4] ein leeres blatt papier

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cover [mind-box-magazine no.02 // sept 03 : ich begehre Nichts!]
[0] ich begehre Nichts!

“eine insel mit zwei bergen und dem tiefen weiten meer, …

er genoß die aussicht. die aussichten.

… mit viel tunnels und geleisen …

der blick nach vorn. vollkommen frei. äußerlichkeiten blau in blau. so weit das auge reichte. so schnell das licht nur konnte.

… und dem eisenbahnverkehr …

und ein sinn, der über all das hier hinausging.

… nun wie mag die insel heißen …

die idee der unendlichkeit ahnen, dachte er, und gleichzeitig die unmöglichkeit spüren, ein teil von ihr sein zu können.

… ringsherum ist schöner strand …

er fühlte sich gefangen. in diesem körper. gefangen in dieser welt. in diesem leben. gefangen in diesem kopf.

… jeder sollte einmal reisen …

in diesem all.
in dieser allumfassenden sinnlosigkeit.

… in das schöne lummerland.”

der himmel hatte die farbe ihrer augen. er wollte ihnen nahe sein. erkletterte den höchsten gipfel, um wenigstens diesem blau nahe zu sein, wenn schon nicht dem ihrer augen. nicht in ihm ertrinken konnte. für immer in diesem unendlichen blau. schweben. schwerelos.

beneidete die wolken. waren dem himmel so nahe. diesem blau. ihr.
beneidete die vögel. sich immer weiter hinaufschwingend.
zu ihr.
und er? würde er sie jemals wiedersehen. würde sie ihm erlauben zu schweben, sich fallenzulassen? für immer?
und dann? wer würde bügeln?

rechts drängelten felsen. verspielt. wollten ins bild. wollten rettendes ufer sein.
und trotzende festung.
wollten verbinden und trennen. wollten wellen brechen. willen brechen.
wie alle. eltern. lehrer. pfarrer. aktionäre. professoren. manager.
die entscheider. wollen dein bestes.
deinen willen und deine kreativität.
geben dir dafür eine aufgabe. sinn. ein ziel. eines!
und sonst keines: den neid in den augen der anderen.
nehmen sich dafür nur eines: dein leben!

konsumiere. masturbiere. produziere. ejakuliere.
ersatzbefriedige dich und halt die klappe!
die pathologie der ignoranz ist eine ubiquitäre.

was bliebe, wenn man all den konsum, den kommerz, all diese schönen, bunten bilder wegließe? nicht ständig auf der suche wäre. nach dem neuesten pullover. waschmittel. schuh. szene-getränk. fernseher. joghurt. mobiltelephon.

was bliebe ohne tv, kino, die hochglanz-zeitschriften?

was bliebe, wenn wir die arbeit wegnähmen? was bliebe ohne unsere hobbies, ohne die dinge, die wir vermeintlicherweise gern tun? was bliebe ohne alkohol? ohne autorennen? ohne zigaretten?

was bliebe, wenn man die schulen, universitäten, unternehmen wegließe?
was bliebe, wenn man kunst, literatur, architektur wegnähme?

was, wenn wir alle bedürfnisse ablegen? keine materiellen begierden, keine gelüste mehr haben?
was bleibt, wenn wir alle sinne wegnehmen? die augen? die ohren? die haut? die nase? wenn wir nicht mehr sprechen?
was bleibt, wenn wir vollkommen in uns abgeschlossen sind? wenn wir vollkommen ruhen? uns nichts äußeres mehr erreicht, manipuliert, ablenkt?

bleibt irgendein bedürfnis übrig? bleibt ein verlangen? bleibt der wunsch nach sinn? bleibt der wunsch nach erkenntnis? neugier? liebe? nichts?

und wenn wir all den kleinen und großen materiellen begehrlichkeiten nachgegeben haben, die uns eingepflanzt werden? von kindheit an. uns eine richtung geben. ein ziel. damit wir produzieren. und konsumieren. all diesen schrott. den niemand wirklich braucht. diesen königsweg zum glück. der uns ablenken soll. von den wahren träumen. tief in unseren herzen. von kindheit an. vom wirklichen leben. den realen problemen. den wahren lösungen und den wirklichen feinden. von phantasie. kreativität. spontaneität. damit wir manipulierbar und kalkulierbar werden. bleiben. von kindheit an! für die entscheider. für das wachstum. stetig. koste es, was es wolle. wird es dann besser? und wann? wann wird es dann endlich besser?

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[1] die einflüsterungen der industrie

nackte füße. flip-flops. er blickte auf. elsa mit dem frühstück.
– was ist los mit dir? du wirkst so nachdenklich,
setzte sich an den nebentisch. zog die beine auf den stuhl. umschlang sie mit der linken. kein nagellack. trank einen schluck aus seinem glas. beschreibung elsa. ein wenig phantasie. und julias restaurant. die rote wand mit den goldenen herzen. ein wenig lebensgeschichte.
– nein,
lächelte er in ihre richtung.
– nein, ich bin nicht nachdenklich. nicht mehr als sonst.
eine lüge. und er wußte, daß sie es wußte.

sie strich eine haarsträhne aus ihrem gesicht. mit geschlossenen augen sog sie die wohltuende wärme der frühen sonnenstrahlen auf.
ließ ihn in ruhe. er würde es ihr schon erzählen. früher oder später. dafür waren sie freunde.
– wirst du heute abend sprechen?
– ich weiß noch nicht. mir fällt nichts ein.
sie lächelte verstehend. nestelte abwesend an ihren flip-flops.
– ich würde mich freuen. die meisten kommen wegen dir.
der tägliche, rituelle dialog. gewohnheit. die kleinen dinge. geborgenheit.
erhob sich wieder. ein kurzer besuch. konnte nicht mehr lange in seiner nähe sein.
– das war ein kurzer besuch.
er sprach es aus. sie lächelte sanft. gebrochen.
etienne blickte ihr nach. während sie sich wieder um die anderen gäste kümmerte. lächelte oft. und gerne.
er begann mit dem frühstück.
wie wenig man doch wirklich brauchte von all dem, was man für geld kaufen konnte.

die junge frau am nachbartisch setzte die milchflasche an den mund. trank. hörte die laute der verendenden kälber. über die höfe getrieben von ihren peinigern. hörte die hilferufe der kuheltern, denen die kinder entrissen wurden. die schreie der kinder quer durch europa. auf den straßen der welt. doch die welt hörte weg. qualen, die wir den tieren zufügten, um die beste aller milchen selbst trinken zu können. die milch der ersten monate eines neuen kälberlebens.

sie haßte kühe. je mehr sie leiden mußten, desto wertvoller wurde ihre milch für sie. desto mehr war sie bereit zu zahlen.
lactose-intoleranz konnte sie nichtmal richtig aussprechen.

und würde es uns schlechter gehen,
wenn wir unsere autos wirklich abschließen könnten?
ärzte ihre fehler zugeben und dafür geradestehen würden?
lebensmittel noch mittel zum leben und nicht zum profitmachen wären?

würde es uns schlechter gehen, wenn wir zugeben würden, daß jemand, der sich nie über unser bildungs- und parteiensystem erhoben hat, uns nicht wird helfen,
unser land nicht wird retten können?

würde es uns schlechter gehen, wenn unsere politiker, manager, regierenden einfach gemeinsam die welt retten würden?

würde es uns schlechter gehen, wenn wir einfach nicht mehr auf die leute, die medien, die politiker, die einflüsterungen der industrie hören würden?

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[2] der luxus und die moden

ich begehre nichts. nur die illusion. will nur den neid in den augen der anderen sehen.
ich begehre nichts. nur die insignien der illusion. statussymbole.
will teil sein. des luxus. und der moden.
will körper sein. und nicht geist.

ob es mehrere orte wie diesen gab? die verfallenen gemäuer? elsa? die orangenbäume? schwarz-weiße bodenfliesen auf der terrasse? die ruhe? das meer? diesen duft?

die insejkten saßen bereits bei zucker und frischem orangensaft. rosen wuchsen an weißem holz.
dies war kein zufall.
farbe blätterte ab.
dies alles hatte einen sinn.
auch an tisch, wand und stuhl.
er liebte es. und die aussicht.

konnte nicht nur kulisse der menschlichen komödie sein.
der blick nach vorn. vollkommen frei.
das leben hatte einen tieferen sinn.
er blieb dabei.

die übrigen gäste langweilten sich. wie der rest der welt.
kulisse. sonst nichts.

sie versuchten, das beste daraus zu machen. gaben sich mühe. hatten es nicht besser gelernt. meinten, sie wären durch zufall auf diese erde gefallen und wollten die verbleibende zeit möglichst angenehm verbringen.

waren uninteressant und doch gefährlich.
illusion stand in großen lettern auf ihren louis-vuitton-bags.
geschmiedet aus arroganz, ignoranz und intoleranz.
kleine gefängnisse. mindboxes.
ich begehre nichts. nur diesen goldenen käfig.

nahm den kater hoch. kam seit einigen tagen pünktlich zum gemeinsamen frühstück. woher auch immer.
streichelte ihn.
folgte einem wagen. mit den augen. auf der küstenstraße. der sonne entgegen.
im gleißenden licht sah er wieder ihren blonden körper.
streichelte auch ihn. mit blicken. zärtlich.

folgte den insejkten. mit den fingerspitzen. über diese hautlandschaft.
sie war wunderschön.
die idealisierungstendenz einer verblassenden erinnerung.
er schüttelte sie ab. und den kater.
zeitverschwendung.

erhob sich. der kater folgte ihm.
der wagen bog um die sonne.

eine willkommene nebenwirkung dieses ansturmes roter strahlung.

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[3] das wesentliche

natürlich hatte sein hirn – er nannte es ralph – den sich schnell nähernden schwarzen punkt wahrgenommen. ebenso seine mutation zur drosophila. na und? eine fliege außerhalb seines autos war nicht unbedingt eine nachricht ans bewußtsein wert.

die darauffolgenden ereignisse hätte kein gehirn vorhersehen können. ralph traf also keine direkte schuld. diese zukunft lag tatsächlich jenseits jeder erfahrung:

drosophila durchschlug seine frontscheibe. ohne auch nur den anschein eines loches zu hinterlassen. hämmerte seinen schädel an die vordere kopfstütze. fräste eine röhre durch sein hirn. verließ den wagen durch die hintere scheibe. ohne konsequenzen. für letztere. und ward nie wieder gesehen.

erst jetzt zeigte ihm sein gehirn die aufnahmen des sich auf kollisionskurs befindlichen schwarzen punktes – drosophila. die es zuvor bereits als redundant eingestuft und zur vernichtung freigegeben hatte. soweit die unterschlagung von informationen.

starren auges bewegte er sich mit unveränderter geschwindigkeit in richtung seines angestrebten zieles. von dem er nun nicht mehr annehmen konnte, es jemals zu erreichen.

die eintrittsöffnung der fliege befand sich in der mitte seiner stirn. etwa 2cm oberhalb der augenbrauen. ein kreisrundes, sauberes loch.
zum ersten male mißtraute er seinem rückspiegel: kein blut.
er mußte sich darauf konzentrieren, den wagen abzubremsen und erst dann ohnmächtig zu werden.

später:

er kam zu sich. das loch war noch da.
er wußte, daß es bleiben würde.
wußte, daß von nun an jede lüge zwecklos war.
wußte, verdammt nochmal, daß jeder die wahrheit würde sehen können.
sehen durch dieses loch in seinem kopf.

was wäre, wenn jeder die lüge würde sehen können?
durch dieses loch in seinem kopf. auf seiner stirn.
die lüge, die wir leben nannten.
die lüge, die uns alle verband.

monate später:

er wurde wach. schweißgebadet.
das loch war verschwunden. die wahrheit jedoch blieb.

jahre später:

er würde ins dorf gehen. den fischern bei ihrer arbeit an den booten zusehen. mit ihnen über das wetter diskutieren.
brot kaufen.
keine überflüssige sinnsuche.
ein wenig rotwein.
keine überflüssigen bedürfnisse.
wasser.

die sinne nicht abgelenkt
durch die einflüsterungen der industrie.
vielleicht obst.

die sinne frei,
um das wirkliche leben wahrzunehmen.

reden,
gucken,
anfassen,
schmecken,
die wahrheit sagen.
die konzentration auf das wesentliche.

ins dorf gehen. den fischern bei ihrer arbeit an den booten zusehen. mit ihnen über das wetter diskutieren.
brot kaufen. ein wenig rotwein. wasser. vielleicht obst.
das wesentliche.

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[4] ein leeres blatt papier

gefangen. mental. irgendwo zwischen der neuen cd. dem neuen pullover. der neuen handtasche. der neuen küche. der badrenovierung. dem auto. dem neuen mascara. dem urlaub. den freizeitaktivitäten der menschen die man freunde nennt. zwischen all den kleinen und großen begehrlichkeiten. sind wir unfähig uns selbst zu finden. unsere lebensmitte. unsere wahren bedürfnisse.

fühlen nichteinmal mehr das feuer in uns allen. haben seine uns innerlich durchdringende glut ersetzt durch die kurzen amplituden des äußerlichen glücks. des ellbogenwarmen genusses. des lauen gefühls. des schnell zur kälte gerinnenden neuen lebenssinnes. kälte die uns alle umgibt. in unseren goldenen käfigen.

wären wir doch nur reif genug, all unser begehren als bloße kleine fluchten vor den großen entscheidungen zu verstehen. unsere evozierten bedürfnisse als willkommene entschuldigungen unserer inkonsequenz. unseres versagens vor uns selbst.

stattdessen verdoppeln wir die gitterstäbe. unserer goldenen käfige.
stärken die ketten. der kugeln die uns am boden halten.

gehen immer noch wie puh, der bär die treppe runter ‘rumpel-di-pumpel auf dem hinterkopf’. und denken wie er ‘man müßte mal … darüber nachdenken, ob dies die einzige möglichkeit ist’. eine treppe herunterzugehen. wenn nur das gerumpel aufhörte.

versuchen wir´s doch einfach mal. maximieren wir doch einfach unsere freiheit. und unabhängigkeit. und machen uns auf die suche nach dem feuer in uns allen.
think about:
ich begehre Nichts!
die einflüsterungen der industrie
den luxus und die moden
das wesentliche

lies möglichst viel.
bücher und alle ausgaben des mind-fuel magazine.
nimm ein leeres blatt papier und
entdecke,
was dich gefangen hält. entdecke, was deiner unabhängigkeit im wege steht. entdecke, wie sehr du dir selbst im wege stehst.
reduziere, was dich ablenkt auf ein minimum.

nimm ein leeres blatt papier und
entscheide, was passieren muß. lass es passieren!
“man müßte mal” gilt nicht mehr. fliehen gibts nicht mehr.
fernsehen und arbeiten gelten nicht mehr als ausreden.
lass geschehen, was geschehen muß – um frei zu sein.

musik. disziplin. neugier. sport. gute ernährung. kreativität. kompromißlosigkeit. freunde. stil. pflege. charakter. kunst. gesundheit. literatur. balance.

nimm ein leeres blatt papier und
suche,
was dich wirklich antreibt. der sinn deines lebens ist. das feuer in uns allen. in dir. suche. tief in dir. nutze das blatt. nutze die leere. die reinheit. das Nichts! die ästhetik. die erhabenheit. die freiheit. die unabhängigkeit.

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| In diesem Sinne!
| What Difference Do You Make? | What Value Do You Create?
| Why would anybody Miss You?
| #savingsomesouls #savingsomelives #savingplanetearth
| #stopmakingsense

| Wir sollten reden!

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