the poet will die! [mind-box-magazine no.03 // oct 2003]

(Background: mind-box-magazine-Website > “Um meine täglich ‘aktuelleren und wahreren’ mind-box-magazine Long Reads in Erinnerung zu rufen und gleichzeitig die ‘historische’ Anmutung des 2003/08er Web-Auftrittes zu erhalten, integrierte ich diesen Part (zwischen den roten Linien) in das ursprüngliche Layout – ohne sonstige Anpassungen. Ebenso bewahrte ich den Charme der Kleinschreibung, des ß, und manchen Fehlers in Programmierung und Originaltexten.

Oberhalb der Texte findet Ihr Cover/Bilder der originalen Anmutung. Sie sollen Einladung sein, dem Link in die Ursprungs-Ausgaben zu folgen und ihr facettenreiches Innenleben zu erforschen. Dieses gewann zwei Lead Awards, Silber 2004 / Gold 2005.

Analog der damaligen Erscheinungsweise gehen hier die damaligen Titelthemen nochmals online. ENJOY!”)

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the poet will die!
[mind-box-magazine no.03 // oct 03]
[0] the poet will die!
[1] … im management
[2] … in der liebe
[3] … in der kunst
[4] … im leben

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[0] the poet will die!

wie wasserfälle glühender kohlen. der himmel
schien am horizont in die ewigkeit zu stürzen. ein flugzeug
war nur noch an seinen kondensstreifen zu erkennen.
die letzten vögel unterwegs. in diesem all.
in dieser allumfassenden sinnlosigkeit.

po·et > noun (plural > po·ets)

stille …
er starrte aus dem fenster.
in sich hinein.

1. somebody who writes poems, especially a regular and recognized writer of poems

seit 20 jahren.
… stille und dunkelheit.

2. somebody who is very imaginative and creative or who possesses great skill and
artistry
and is able to produce beautiful things

für eine millisekunde
ein selten gewordenes gefühl von geborgenheit. fühlte regen an der innenseite seiner seele hinablaufen. tränengleich.
würde heute nichts mehr schreiben. seit 20 jahren.

13th century. via french poète and latin poeta from greek poietes “maker, author,” from poiein “to make.” (source: http://dictionary.msn.com)

will die! seit 20 jahren. the poet will die!

um platz zu machen für die lebenden. die untoten. die vegetierenden. maschinenmenschen.
menschmaschinen.

immer weniger zeit schönes zu schaffen. das nennt man effizienz.
ein wahrhaft mentales problem.

will die!

weil es keinen freiraum mehr gibt. keine unabhängigkeit. phantasie. kreativität. für träume. ideen. visionen. die welt. wirklich zu verändern.

will die!

in der vorstadt. am rande des gewissens.
fernab vom trubel der großstadt. der heiterkeit.
der oberflächlichkeit. des kurzen ruhmes. des schnellen genusses. des ab-geregelten genusses. regeln. die uns einschnüren. ziffern. die uns erdrücken.
ein wahrhaft körperliches problem.

würde wiedergeboren.

als gedanke. als wunsch. des einzelnen. von kindheit an. als sphäre. als das feuer in uns allen. vereinzelt. einzigartig. beeindruckend. begeisternd.

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[1] … im management

erst gegen morgen fiel er in einen kurzen, traumlosen schlaf.
in diesem bett. diesem raum.
im alten castello. auf diesem fels.
vorgelagert dieser insel. an der küste dieses landes.
in diesem meer. umrahmt von diesen kontinenten.
umgeben von den wassern dieses lebens. dieser erde.
an deren ufern menschen starben. und fische darin.
wegen des geldes. der gier. des neides.
des einzigen antriebes dieses planeten.
… und weil es dem rest egal war.

kulisse.
der menschlichen tragödie.

können sie nicht ertragen. die stille. die leere. das nichts-tun. das nichts-denken. das ruhen in sich.
die stille des leeren blattes. nichts macht nervöser.
… spiegel der eigenen seele,
… ungekannte freiheit, die ängstigt,
… keine richtung, kein anhaltspunkt,
… demonstrierend die eigne winzigkeit,
… vor der unendlichen weite der gedanken und perspektiven.

dann lieber ein wenig zerstören.

die ruhe. die weite. die balance. die unabhängigkeit. die freiheit.

gefangen in den zeilen und spalten von excel. dem land ohne wiederkehr. dem land des rechten winkels. der tabellenkalkulation. des profanen. und doch so formolösen.
linien. bilden die gitter unserer käfige.
zellen. schränken uns ein.

geben uns geborgenheit. sicherheit. das kann ich. das will ich. bloß nicht die zelle verlassen. a7. meine nachbarn a6 und a8. nur zehntel-millimeter weg. doch so unendlich fern.

felder. vorgärten. powerpoint layouts. alles geordnet. bloß keine überraschungen. keine abwechslung. läßt uns stolpern. zweifeln. das dies alles so richtig ist. richtig sein kann. muß. muß! wie sonst ruhe finden? glück. zufriedenheit. sinn. vermeintlich.

die menschmaschinen.

… schreiben es voll. das leere blatt. vernichten es. seinen zauber. seine kraft. zerstören es. mit banalitäten. dieses symbol der freiheit. bemalen es. symbol der unabhängigkeit. mit charts. graphiken. tabellen. den ablenkungen vom wesentlichen. den billigen ausreden. voreiligen schlüssen. beschreiben das offensichtliche. das opportune. die illusion. anerkennung heischend. doch nur mittelmaß darstellend. zeitverschwendung.

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[2] … in der liebe

wurde wach. als wäre nichts geschehn. wie jeden morgen.
folgte den geometrischen linien
des architekten. mit den augen.
wußte es besser.

gebrochen über kantigem gestein.

war allein.

blaue augen?

mit seinen gedanken.

oder grüne?

draussen die ersten boote.

wußte es nicht mehr. nicht mal das.

schmeckte nur noch ihre salzige süße.

blickte durch den raum. die zeit. sah laken. zerwühlt. neben seinem bett ein weiteres. leer. sah sich. stehend davor. betrachtete die frau darin. blond.

ein weinglas. bücher. wilson. dawkins. pinker.

genüßlich räkelte sie sich in der warmen morgensonne.

eine sternenkarte. beide hemisphären.

ein braungebrannter körper. ein klischee.

in ihm die letzten töne von mozarts requiem.

eine vorahnung? wie damals?

wollte sie loswerden. sie entsprach nicht seinem traum.

verschwendete zeit. aber wer tat das schon.

insejkten marschierend über früchte in einer blauen schale.

sie war so gut wie tot.

lächelte in unwissenheit. woher sollte sie auch.

sich langsam auflösend.

“…ein praller unterleib des weibchens ist für männchen ein sexueller schlüsselreiz, weil er viele eier und damit eine große fruchtbarkeit signalisiert.

allerdings bevorzugten männchen auch jene kadaver, deren unterleib nicht vergrößert war. offenbar steigert der fliegen-schimmel die sexuelle attraktivität noch auf eine andere, bisher unbekannte weise…” (faz, wissenschaftsbeilage, vor langer zeit)

illusion. selbstbetrug. ersatzbefriedigung. immer wieder. in allen variationen. das einzige, was ihm die kälte nahm. wenn auch nur kurz. uns allen.

betrachtete seinen körper. dieses werkzeug der insejkten.

lag neben sich. allein.

die linien des architekten.

außer atem.

gebrochen über kantigem gestein.

wischte sich ihren süßlichen speichel vom bauch.

hörte die flügellosen fliegen des nebenzimmers in ihren brutkästen summen. das polare eis wurde knapp. er würde neues kaufen.

das leere blatt papier. wir sind es längst nicht mehr.

belogen. betrogen. der blick.

geblendet durch das unendliche weiß des möglichen.

lautlos donnernd in die ewigkeit des ungedachten.

runaway train.

beschloß, auf der terrasse ein fiktives frühstück einzunehmen.

schämte sich aus der umarmung der laken.

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[3] … in der kunst

stand vor dem waschbecken.
beugte sich vor. näherte sich dem spiegel.
beidhändig gestützt auf den blanken stahl.
verfluchte die hitze der glühbirne über seinem kopf. edison.

verfluchte seine dunklen, großen augen. die blonden haare. honig. die sommersprossen um die nase. verfluchte sie wegen ihrer wirkung. verfluchte die insejkten, die ihn entdeckt hatten. damit er für sie anschaffen ging. polemisch. zynisch.

hatte nie verstanden, warum dieses gesicht so anziehend wirken konnte. ehrlich. kompromißlos. wasser tropfte aus gesicht und haaren. infragestellend. intelligent. seine haut leicht gebräunt. der raum in eine bläuliche aura getaucht. zum nachdenken anregend. humorvoll. die flügellosen fliegen in ihren brutkästen des nebenzimmers. motzig. weltverbesserlich. rasierte seine haare ab. provozierend. rebellisch. nur ein schwarzer schatten nichts blieb. die frauen umschwärmten ihn wie motten das licht.

ersatzbefriedigung. allumfassende sinnlosigkeit. die kälte hatte gesiegt. immerwährende kälte. und dieses gefühl der leere. immerwährende leere.

in ihm erloschen. vor jahren. ohne daß er es bemerkte. hatte von innen gewärmt. vom herzen. der seele. was auch immer. das feuer.

war museumswärter. bewachte die bilder im museum des dorfes, das so hieß wie sein land. die bilder der ziffern von null bis neun. in allen variationen. tahoma. abbilder. arial. götzenbilder. des neuen gottes. null bis neun. ohne übergang. in wechselnden größen. formen. und farben.

ganze fabriken. nichts produzierend als ziffern. spezialisten unter ihnen. die nur nullen produzierten. schulen genannt. kunst. universitäten. man verließ sich drauf. brachten glück. oder große not. meistens.

waren nicht berechenbar. interessanterweise.

zahlen. die nicht berechenbar waren.

aber vielleicht war das der trick. arbeitsbeschaffung. ablenkung. bloß nicht denken. jeden tag von neuem.

null bis neun. neun bis neun.

saß auf seinem stuhl und hielt die menschen davon ab, die ziffern zu berühren. zu schänden. ihres sinnes zu berauben. ihrer tiefen bedeutung. ihrer morbiden mystik. zumindest für den zahlen(aber)gläubigen. totengräber des emotionalen. lebendigen. in spalten gegossen. auf ewig.

und morgen wieder neu. auf ewig. null bis neun. neun bis neun.

vierundzwanzigschrägstrichsiebennochmal.

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[4] … im leben

wie immer regt er sich nach dem einkaufen über die verkäuferin auf, die die käsescheiben nicht ordentlich gestapelt hat. er denkt darüber nach, was die gründe sein könnten. dafür und für das restliche übel der welt.

warum dachte sie nicht darüber nach, wie er den käse im kühlschrank verstaute. warum versuchte sie nicht, seine wünsche zu erraten. sie zu erfüllen. ungefragt. einfach weil es ihr job war. weil sie käse liebte. und diese liebe weitergeben wollte an die menschen. schließlich war es nicht nur käse. sondern eine lebenseinstellung. käse statt wurst.

warum versetzte sie sich nicht in seine lage. warum war ihr das alles egal. warum war ihr egal, ob sie ihren job gut oder schlecht machte? warum maß sie die qualität ihrer arbeit nicht an der zufriedenheit ihrer kunden? er würde doch viel mehr käse kaufen, wenn er merkte, sie teilte seine leidenschaft oder war einfach nur zuvorkommend und bemüht.

er würde diesen unterschied nie begreifen. er hatte ihre schulen besucht. ihre lehrer und professoren, ihre vorgesetzten waren auch seine gewesen. warum war sein qual.anspruch so viel größer?

warum interessierte sie nicht die qualität ihres werkes?
warum sahen sie die arbeit nur als notwendiges übel?
warum interessierte sie nur geld, macht, ruhm? der neid in den augen der anderen?
warum betrogen sie dafür sich selbst und den rest der welt?
warum denkt jeder nur an sich?
warum gibt es verdorbene joghurts / minderwertige qualität?
warum gibt es keine wahren innovationen / wirklichen optimierungen / erleichterungen?
warum gibt es keine wirklich sinnvollen produkte / dienstleistungen?
warum gibt es keinen wirklichen sinn?
warum sucht keiner den sinn, der über sein eigenes leben hinausgeht?
warum gibt es keine wirkliche kunst? keine wirklichen schriftsteller / philosophen?
warum gibt es keine wirklichen antworten auf die wirklich relevanten fragen?

warum gibt es keine relevanz?

warum machen wir uns selbst und allen anderen ständig etwas vor?
warum denken wir nur an uns?
warum ist der neid in den augen der anderen unser einziger antrieb?
warum nur ist uns die illusion wichtiger als die brillanz?

keiner tat das, was er tat, gerne. keiner war wirklich mit herzblut bei der sache. die arbeit war notwendiges übel. nur noch mittel zum zweck. keiner machte sich mehr gedanken über die qualität seiner arbeit. geschweige denn über ihren wahren sinn.

wie aber sollte man eine sache wirklich gut machen, von der man nichtmal wußte, warum man sie machte? außer zum geldverdienen. einem grund, der außerhalb ihrerselbst lag. wie aber sollte man eine sache wirklich gut machen, von der man nichtmal wußte, mit welchem ziel man sie machte?

dinge um ihrer selbst willen tun!
nicht: arbeiten, um geld zu verdienen.
nicht: arbeiten, um sich etwas leisten zu können.

warum waren fast alle gleich? und warum wurden die wenigen, die anders waren, als aussätzige behandelt? als angehörige einer anderen religion? von einem anderen stern?

warum waren wir mit dieser alles durchdringenden durchschnittlichkeit zufrieden?
was war passiert?
was hatten sie mit uns gemacht in den kindergärten, schulen, universitäten, unternehmen dieser welt? unsere eltern, freunde, kollegen, aktionäre, konsumenten?
und wie sah der ausweg aus? die lösung? was war der richtige weg? für den einzelnen? für uns alle? und wie sollte er ihn erkennen? wie entscheiden, was jetzt richtig war? und wichtig?

entdecke.
was dich gefangen hält. wie du dir selbst im wege stehst.

entscheide.
was passieren muß. um frei und unabhängig zu sein.

suche.
was dich wirklich antreibt.

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