Bärendienst bei der Rettung sexuell belästigter Frauen vor alten Männern – Repost 2010(!)

In der ftd sollte neulich folgende Situation gelöst werden: “Nun hat eines der männlichen Mitglieder (um die 50!) einen Narren an mir gefressen und schreibt mir immer zweideutige Mails. Und wenn wir uns bei Veranstaltungen sehen, küsst er mich immer zur Begrüßung – was viel zu viel ist und unangebracht in dem Rahmen. Wie soll ich mich verhalten?”

(Anmerkungen, 12.Nov, 2017, rs
1. Leider ist die komplette FTD-Site offline, deshalb auch der Originalpost nicht zu erreichen.
2. Hier ein paar Zeilen, die Eva (twentyfirstcenturycat) heute vor genau 7 Jahren zu meinem Post in ihrem Blog unter ‘FRAUENFRAGEN Feminismus-Check‘ schrieb:
“Weil’s mir vor ungläubigem Staunen die Sprache verschlagen hat, verweise ich, was den „Fall Financial Times Deutschland“ angeht, hier einfach auf Ralf Schwartz. Ich fände ohnehin keine besseren Worte, ohne sofort alle Beteiligten an diesem Beratungs-Dramolett mit meinen Tiervergleichen zu beleidigen.”
3. Um die FTD-Zitate jeweils deutlicher gegenüber meinen damaligen Worten abzugrenzen, markierte ich erstere fett.)

Die für mich vollkommen unerwartete FTD-Antwort beginnt so:
“Ein alter Knacker macht sie freundlich, aber deutlich an. Klar, Sie würden sich entziehen. Auf einer Party würden Sie Schutz bei einer Freundin suchen, im Notfall gehen.” …

Alter Knacker? Mit 50? Und warum ‘Schutz bei einer Freundin suchen’? Warum gehen? Warum nicht sagen, was einen stört? Warum nicht einfach selbstbewußt als Frau des 21. Jahrhunderts auftreten und den Menschen, der einen bedrängt, mit freundlichen Worten in seine Schranken verweisen, wenn er die Grenze wohl überschritten hat?

“Sich so einfach zu entziehen geht im Bereich Kommunikation nicht – schließlich werden Sie genau dafür bezahlt.” …
Dafür wird man bezahlt, sich genau dies gefallen zu lassen? Im Gegenteil: auch Frauen müssen toughe Entscheidungen treffen, ihren Mann stehen, etc. Sie müssen Rückgrat haben und dürfen vor schwierigen Situationen nicht zurückschrecken.

Sich im Job alles gefallen lassen und kuschen? Was ist das für ein Rat? Wohin soll das führen? Zurück in die Höhle?

“Wie funktioniert der Rückzug also bei einer offiziellen Netzwerk-Veranstaltung? Und zwar so, dass Sie Ihren Job machen und gleichzeitig keine Grenzen überschritten werden.” …

Die Grenze wurde doch anscheinend längst vom Mann überschritten. Er hat entweder bisher die falschen Signale bekommen (denn wieso darf er küssen?) oder versteht einfach nicht, was sich gehört. Bisher hat er anscheinend noch nicht gesagt bekommen, daß er Grenzen überschreitet. Nur daraus kann er lernen, nur dann kann er sein Verhalten ändern. (Und dies geschieht bestimmt nicht, wenn man, wie die Beraterin rät, “Unangenehme Zweideutigkeiten … einfach unbeachtet” läßt.)

Als selbstbewußte Frau wird es Zeit, hier die Führung zu übernehmen. Daraus können beide nur lernen. Er, indem er sich benimmt in Zukunft und empathischer wird. Sie, indem sie selbstbewußter und intuitiver mit solchen Situationen umgeht.

Nirgendwo gibt es soviele Mißverständnisse auf beiden Seiten wie in solchen Fällen. An erster Stelle muß also das frühe, offene und klärende Gespräch stehen – keine Tricks und Gimmicks.
Männer und Frauen müssen in genau solchen Situationen auf Augenhöhe miteinander sprechen, das ist schwierig, aber notwendig. Der Job kann keine Entschuldigung sein, darauf zu verzichten. Denn, wie sagt die Beraterin in der ftd so schön: “Die schlechte Nachricht: Situationen wie diese werden Ihnen noch häufiger begegnen”.

Ein Grund mehr also, sich objektiv, grundlegend, selbstbewußt, mutig und unerschrocken mit dem Thema, der Situation und dem Gegenüber auseinanderzusetzen – und nicht das kleine duckmäuserische Mädchen der letzten Jahrhunderte wieder zum Vorschein kommen zu lassen.

– Repost 10.Nov 2010 –

Mehr zum Thema:
“Mein höchstpersönlicher #metoo-Moment”.

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