Wie Handelsblatts ORANGE Terrorangst schürt – nur naiv oder auch berechnend?

Ich kann mich 2017 an keinen Terroranschlag in Deutschland erinnern. Mir geht es gut. Ich habe keine Terrorangst. Noch nicht.

Dann stolpere ich die Tage über diesen Artikel von orange by Handelsblatt: “Wie sich Terrorismus nach Europa verlagert”. Oh mein Gott, das war mir gar nicht bewusst!

“Im vergangenen Jahr starben auf der ganzen Welt rund 26.000 Menschen bei Terroranschlägen. Die Zahl der Opfer geht weltweit zurück, in Europa aber gibt es so viele Terrortote wie seit 14 Jahren nicht mehr.”

26.000! OMG! Wieviele waren das dann in Europa? So viele wie seit 14 Jahren nicht mehr!

Weiter im Text:

“Berlin, Paris, Brüssel, Istanbul, Sankt Petersburg, Nizza, London: Europäische Großstädte, Reiseziele von Millionen Touristen – und Anschlagsziele von Terroristen. Es ist ein Gefühl, das der Klang dieser Städtenamen in uns hervorruft: Der Terror in Europa nimmt zu. So viele Terrorattacken in den vergangenen Jahren an Orten, an denen jeder von uns schonmal war. Sind wir noch sicher?”

Was für eine perfide Art, uns Angst zu machen. Was soll das? Das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen:

“Berlin, Paris, Brüssel, Istanbul, Sankt Petersburg, Nizza, London: Europäische Großstädte, Reiseziele von Millionen Touristen” …

Alles gut. Ich wiege mich in Sicherheit. Dann der Hammer:

… “– und Anschlagsziele von Terroristen.” …

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… “Es ist ein Gefühl, das der Klang dieser Städtenamen in uns hervorruft:” …

Ja, Heimat. Europa. Wundervolle Städte. Wundervolle – fast romantische – Gefühle, Erinnerungen. Wäre da nicht:

… “Der Terror in Europa nimmt zu.”

Danke orange by Handelsblatt: “Es ist ein Gefühl, Der Terror in Europa nimmt zu”.

Danke orange by Handelsblatt: ohne Dich hätte ich das Gefühl nicht.

“So viele Terrorattacken in den vergangenen Jahren an Orten, an denen jeder von uns schonmal war. Sind wir noch sicher?”

Gute Frage! Ich fühle mich jetzt schon total unsicher.
Was denken die anderen Bürger? Können die mich beruhigen? Irre ich?

Nein! Konsequenterweise präsentiert orange by Handelsblatt eine ins Schema passende Tabelle zu den größten Ängsten der Deutschen. An erster Stelle mit 71%: Terrorismus.

Ich war wohl der letzte und Einzige, der sich noch sicher fühlte.  Damit ist jetzt Schluss. Ich will gar nicht weiterlesen. Verdammte Terroristen. Hoffentlich unternimmt Berlin etwas. Ich unterstütze das. Die sollen mich ruhig überwachen. Ich habe nichts zu verbergen, aber alles zu verlieren. Meine Liebsten, meine Freiheit, mein Leben.

Würde man weiterlesen, könnte man lernen, dass …
“weltweit 25.673 Menschen bei Terrorangriffen” starben
– die Terroranschläge “ein Achtel weniger als im Vorjahr und sogar 22 Prozent weniger als noch 2014” waren. Der Terrorismus verlagert sich nach Europa?
sich “94 Prozent aller durch Terroranschläge verursachten Todesfälle … im Jahr 2016 im Nahen Osten, in Afrika und in Südasien” ereigneten. Der Terrorismus verlagert sich nach Europa?
– “2016 … unser Kontinent so viele Terrortote zu beklagen [hatte] wie seit 14 Jahren nicht mehr. Es waren 826 Opfer”
… versus “weltweit 25.673”. Nochmal:  Der Terrorismus verlagert sich nach Europa?
– “826 Opfer, davon 658 allein in der Türkei”. Hm. Und nochmal:  Der Terrorismus verlagert sich nach Europa?

Würde man weiterlesen, könnte man gelangweilt werden durch eine längliche theoretische Abhandlung, gefolgt von einer Beschreibung jedes einzelnen(!) Terroraktes 2016(!) in Deutschland.

Ich glaube, das nennt sich Journalismus: mit Einzelschicksalen an die Gefühle der Menschen appellieren, dabei ihre Ängste sublim schüren. Die reine Zahl nämlich könnte uns längst nicht mehr schocken, auch wenn jeder tote Mensch ein Opfer zuviel ist: 25(!) seit 2014(!) – wohlgemerkt ohne(!) 2017. Der Terrorismus verlagert sich nach Europa!

Dann kommt der Hammer! Am 15. November 2017, also gegen Jahresende, geschrieben. Unter der obigen Artikel-Überschrift “Wie sich Terrorismus nach Europa verlagert”, gut versteckt unter umgekehrter Chronologie, damit man mit den 2016(!)er-Toten enden kann. Man muss sich auch dies auf der Zunge zergehen lassen:

“Im aktuellen Jahr gab es bisher einen”…

“einen” – Hervorhebung von mir, aber es wird noch besser.

… “Terroranschlag in Deutschland: Ende Juli erstach ein Palästinenser namens Ahmad A. einen Mann in einem Hamburger Supermarkt. Er habe „Christen und Jugendliche töten wollen“, berichtet „Bild“.

Der 26-Jährige steht jetzt vor Gericht, ist wegen Mordes angeklagt – allerdings nicht wegen Terrorismusverdacht.”

Wow! Gesehen? Nochmal, auf’s Wesentliche verkürzt:

“Im aktuellen Jahr gab es bisher einen Terroranschlag in Deutschland: … allerdings nicht wegen Terrorismusverdacht. – Hervorhebung von mir.

Man hätte also auch sagen können: 2017 gab es keinen Terroranschlag in Deutschland. Aber dann hätte man weder die Überschrift – noch den gesamten Artikel schreiben können.

Man hätte natürlich stattdessen einen positiven Artikel schreiben können, so kurz vor Weihnachten. Aber Positives ist dem Klickjournalismus keine Nachricht wert.

Ein guter Journalist hätte die Botschaft in dieser positiven Nachricht erkannt: er hätte über dieses Positive geschrieben und hätte Politik und Gesellschaft erläutern können, dass wir alle uns keine Sorgen machen müssen. Dass wir in einem der sichersten Länder der Erde leben. Dass wir all die Aushebelungen der Privatsphäre gar nicht brauchen. All die Sicherheitsexzesse dieses fast schon Orwellschen Staates gar nicht brauchen. Dass wir das Geld in KiTas und Schulen, in Bildung und das BGE stecken könnten. Dass wir das Geld in die Integration der Religionen und anderer Nationalitäten stecken könnten. Dass die Angst vor dem Fremden unberechtigt ist. Etc. pp. Dass wir genau daran denken sollten, sechs Wochen vor Weihnachten.

Guter Journalismus, Qualitätsjournalismus, der würde das wagen. Schade, Chance vertan, liebes orange by Handelsblatt.

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